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Atommüll-Lager Asse : Grenzwerte für Radioaktivität vor dreißig Jahren überschritten

  • -Aktualisiert am

Atomenergie-Gegner demonstrieren in Asse Bild: dpa

Scheinbar wusste das niedersächsische Umweltministerium schon seit 2006 von kontaminierter Lauge im Atommüll-Lager Asse. Im Salz sind breite Risse sichtbar, Eisenträger verbiegen sich. Der Minister fordert nun, das „Forschungsendlager“ mit einem Sondergesetz des Bundes zu schließen.

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          Schon vor dreißig Jahren wurden im Atommüll-Lager Asse Grenzwerte für zulässige Radioaktivität deutlich überschritten. Das geht aus einem Schreiben des damaligen Bergamtes Goslar an das Landesbergamt in Clausthal-Zellerfeld vom 30. Mai 1978 hervor, das jetzt bekannt wurde. Der Grenzwert für das radioaktive Gas Radon bei Austritt aus dem Schacht habe den Grenzwert um das Dreieinhalbfache überschritten. Zudem wurde am Montag aus Akten ersichtlich, dass Grenzwerte nicht nur für Cäsium 137 und Radon überschritten wurden, sondern auch für das ebenfalls radioaktive Tritium. Der umweltpolitische Sprecher der Fraktion der Linkspartei im niedersächsischen Landtag, Kurt Herzog, sagte, Grenzwerte für Tritium seien zwischen 1988 und 1993 um das Fünfzehnfache überschritten worden.

          Vergangene Woche hatte Niedersachsens Umweltminister Sander (FDP) in einer Anhörung im Umweltausschuss des Landtags zugegeben, dass sein Ministerium schon im Mai 2006 einen Bericht mit dem Hinweis erhalten hatte, dass kontaminierte Lauge in die Schachtanlage nahe Wolfenbüttel eingeleitet worden sei. Bisher hatte das Ministerium behauptet, es habe erst im September vorigen Jahres von der verseuchten Lauge erfahren. Sander schloss sich der Forderung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Jüttner an, das Atommüll-Lager mit einem Sondergesetz des Bundes zu schließen und teils dem Atomrecht zu unterstellen. Bisher unterliegt Asse als „Forschungsendlager“ nur dem Bergrecht und damit weniger strikten Kontrollen. Sander verteidigte Jüttner gegen Vorwürfe der Linke-Fraktion, dieser habe zu seiner Zeit als Umweltminister zwischen 1998 und 2003 rechtswidrige Entwicklungen zugelassen. Sander äußerte die Vermutung, Jüttner sei genauso wie er selber vom Betreiber, dem bundeseigenen Helmholtz-Zentrum in München, nicht hinreichend informiert worden. Kurt Herzog von der Linke-Fraktion sagte hingegen, die frühere niedersächsische Umweltministerin Griefahn (SPD) habe eine „schlampige Berufsauffassung“ gehabt.

          40.000 Seiten Akten werden überprüft

          Das Helmholtz-Zentrum sowie Politiker der CDU wie auch der SPD in Hannover und Berlin bestritten Vorwürfe der Grünen, in dem früheren Salzbergwerk lagerten ohne Genehmigung auch hochradioaktive Abfälle. Bis Ende August will der niedersächsische Umweltstaatssekretär Birkner (FDP) einen Bericht dazu vorlegen, was, wo und seit wann in der Schachtanlage lagert. Bei der Einlagerung von 126.000 Fässern bis zum Jahr 1978 wurde die Kontrolle und Dokumentation nachlässig gehandhabt; nach den bisherigen Erkenntnissen wurden in die Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall 656 Kilogramm Uran 235 und 11,7 Kilogramm Plutonium eingelagert. Der Bericht soll auch ergründen, woher die kontaminierte Lauge kommt. Vermutet wird, dass es bei der Einlagerung zu einem Unfall mit einem Gabelstapler kam, der ein Fass aufschlitzte. Birkner will auch vorschlagen, wie der Umgang mit Asse verlässlicher und informationsfreudiger gestaltet werden kann.

          Demonstranten haben Atommüll-Fässer als Mahnmal aufgestellt
          Demonstranten haben Atommüll-Fässer als Mahnmal aufgestellt : Bild: dpa

          Derzeit werden 40.000 Seiten Akten zu Asse, darunter Protokolle und Messdaten, elektronisch beim Landesbergamt in Clausthal-Zellerfeld erfasst. Dem Amt wird vorgeworfen, ein Abpumpen von mit Cäsium 137 verseuchter Lauge auf eine tiefere Sohle genehmigt zu haben, ohne die Aufsichtsbehörde darüber zu informieren. Zudem hatte das Amt genehmigt, dass nicht nur Salzlösungen in den Tiefensumpf auf 975 Meter Tiefe verbracht wurden, sondern auch radioaktiv verseuchte Betriebsabfälle. Das Ministerium wurde darüber nicht informiert.

          Notmaßnahmen einleiten

          Niedersachsen will nun prüfen, welche Möglichkeiten zur Sicherung des Bergwerkes es gibt. Die Flutung mit einer Kaliumchloridlösung, die der Betreiber vorschlägt, sei nur eine Möglichkeit, sagte Sander. 1967 hatten Forscher noch in einem Gutachten geschrieben, ein Wasser- oder Laugeneinbruch von außen sei „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ auszuschließen. Nun jedoch sickert offenbar Lauge ein, zwölf Kubikmeter nicht verseuchter Salzlösung strömen täglich in den Schacht, werden dann abgepumpt. Im Salz sind breite Risse sichtbar, Eisenträger verbiegen sich. Ein Teil des Salzstocks wandert unter dem Druck des Berges um jährlich 20 Millimeter. Die Standfestigkeit der Grube gilt nur noch bis zum Jahr 2014 als sicher.

          Als Notmaßnahme wurde Salz zur Stützung eingeleitet, was die Auslagerung zumindest eines Teils der Fässer nun erschwert oder ausschließt. Zudem wurden Strömungsbarrieren gebaut, die die Lauge um den Atommüll herum leiten sollen. Selbst über diese Notmaßnahmen herrscht in Hannover Streit: Die hannoverschen Regierungsparteien CDU und FDP halten sie für notwendig, die Oppositionsparteien SPD und Grüne fordern dagegen einen Baustopp, um eine Aufklärung zu erleichtern. Wolfgang Jüttner von der SPD sprach von einem „Kartell des Vertuschens und Verharmlosens“. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Wenzel, forderte, Sander die Fachaufsicht für Asse zu entziehen.

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