Paul Widmer: Diplomatie : Schlummernde Beziehungen
Was muss ein Diplomat können? Den Weg in die Hölle so vorteilhaft schildern, dass man diesen „sogleich mit Freude einschlagen möchte“. Das zitiert Paul Widmer in seinem anschaulichen Handbuch zur Diplomatie und bietet zwei Lesarten der Anekdote. Zum einen die Erwartung, dass ein weltgewandter Emissär selbst in schwierigsten Situationen eine Lösung finden solle. Zum anderen der Vorwurf einer berufsbedingten Schönfärberei, die nur wenig mit der Wahrheit gemein habe.
Widmer weiß, wovon er schreibt, denn er gehörte 37 Jahre dem diplomatischen Dienst der Schweiz an. In 15 Kapiteln stellt er Geschichte, Theorie und Praxis der Diplomatie vor, die dem Frieden dienen müsse. Daher würden diplomatische Beziehungen auch in Friedenszeiten selten abgebrochen. Zuweilen erfolgt eine Herabstufung durch Abzug des Botschafters („eine ausgesprochen strenge Maßnahme) und Abzug aller Mitarbeiter („ein noch stärkerer Protest“): „Die Schließung einer Botschaft bedeutet heute allerdings nicht, dass dadurch auch die diplomatischen Beziehungen abgebrochen würden. Diese schlummern nur. Anders war es in der Zeit der Kanonenbootdiplomatie um 1900. Wenn eine Großmacht ihre Botschaft schloss, bedeutete dies den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und eine Warnung, dass eine Kriegserklärung folgen könnte. Die heutigen Protestgesten dagegen, die oft mehr zu Beruhigung der eigenen Wählerschaft als der internationalen Lage erfolgen, erzielen selten viel Wirkung.“
Paul Widmer: Diplomatie. Ein Handbuch. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2014. 491 S., 50,- €.
