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Paul Lendvai: Leben eines Grenzgängers : Am Anfang war stalinistischer Übereifer

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Paul Lendvai stellt sein neustes Buch am 18. März 2013 in Wien vor Bild: Foto Manfred Weis

In seinem für alle Spätgeborenen lesenswerten Lebensrückblick erklärt Paul Lendvai auch, warum er sich als Links-Sozialdemokrat mit Ungarns heutiger Regierung nicht abfinden mag und warum deren Anhänger in ihm keinen objektiven Beobachter der nationalkonservativen Politik sehen können.

          Mitte der siebziger Jahre stieß der Verfasser dieser Zeilen bei der Suche nach Aufsätzen zur Außenpolitik Ungarns in der Bibliothek des Schweizerischen Ost-Instituts in Bern an unerwarteter Stelle auf den Namen Lendvai Pál, die ungarische Form von Paul Lendvai. Der Name war schon damals geläufig, denn Lendvai war mit Büchern über den „Roten Balkan“, den „Antisemitismus ohne Juden“, einer Biographie des österreichischen Bundeskanzlers Kreisky sowie mit zahlreichen Aufsätzen zu dem im west-östlichen Kalten Krieg Osteuropa genannten Teil Mitteleuropas hervorgetreten. Dennoch war der damalige Student von seinem Fund überrascht. Denn Lendvais Name stand inmitten der Autoren der ideologischen Zeitschrift der kommunistischen „Partei ungarischer Werktätiger“, die im Auftrag der Sowjetunion Ungarn mit eiserner Hand terrorisierte. In der Zeitschrift „Társadalmi Szemle“ (“Gesellschaftliche Rundschau“) veröffentlichte regelmäßig der Budapester Diktator Mátyás Rákosi seine weltgeschichtlichen Ansichten. Es war die hohe Zeit des Stalinismus; Schauprozesse und heimliche politische Morde waren gleichermaßen an der Tagesordnung. Wer eine hervorragende Position hatte, tat gut daran, sich in überzeugungsstarker Speichelleckerei zu ergehen, um nicht Argwohn zu erwecken. Zugleich stieg die Wahrscheinlichkeit, gerade mit solchem Verhalten Argwohn zu erwecken und die Staatssicherheitspolizei auf den Plan zu rufen, ins Allgegenwärtige.

          Wer es vermeiden konnte, suchte in jenen Jahren der terroristischen Parteiherrschaft, nicht politisch aufzufallen. Wer aber von blindem Ehrgeiz getrieben war oder aber an die voraussichtliche Ewigkeit des Regimes glaubte, suchte gerade jetzt aufzufallen und zu gefallen, sich frühe Verdienste zu erwerben und seine geistigen Fähigkeiten erblühen zu lassen. Das kluge Wort Helmut Kohls von der Gnade der späten Geburt war noch lange nicht gesprochen, der Umstand selbst aber längst bekannt. Wie im nationalsozialistischen Deutschland der dreißiger und vierziger Jahre junge Frauen und Männer in ihrer Unerfahrenheit all ihre Talente einsetzten, um als Wissenschaftler, Juristen oder Journalisten sich sozusagen selbst zu verwirklichen und dabei das mörderische nationalsozialistische Umfeld in Kauf nahmen, ja diesem auch zu gefallen, jedenfalls nicht zu missfallen suchten, so verhielten sich Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre in Ungarn die sprachgewandten Übereifrigen.

          Lendvai also schrieb im Jahre 1951 für das ideologische Zentralorgan der einzigen Partei einen Aufsatz, der in der Frühjahrsdoppelnummer (6. Jahrgang, Nummer 3-4) auf den Seiten 317 bis 323 tatsächlich veröffentlicht wurde. Er war damals ganze 21 Jahre alt. Noch befremdlicher als die Jugend des Parteischreibers ist im Rückblick sein stalinistischer Ton: „Die Tito-Bande im Dienste eines neuen Kriegsausbruchs“. In seinem neuen Buch, einer Autobiographie in Interviewform mit dem Titel „Leben eines Grenzgängers - Erinnerungen“ muss sich der Leser vier Jahrzehnte nach der Entdeckung in Bern jedoch bis zur Seite 211 durchkämpfen, um endlich diese entscheidende Episode in Lendvais Leben erzählt zu bekommen. Die wörtliche Wiedergabe lohnt sich: „Schließlich gab es auch noch einen ganz persönlichen Grund, bei Jugoslawien Abbitte zu tun: Mit einundzwanzig hatte ich für die theoretische KP-Monatsschrift Társadalmi Szemle einmal einen Artikel über Jugoslawien geschrieben - eigentlich nur nachgebetete Sowjetpropaganda -, der vorwiegend davon handelte, was für ein landesweiter Widerstand sich da gegen die ,Tito-Bande’ formierte. Später habe ich mich dann für diesen Artikel und auch wegen einer Broschüre aus meiner Feder sehr geschämt. Ich versuchte dadurch eine Wiedergutmachung, dass ich mich sehr intensiv mit dem Selbstverwaltungssystem Jugoslawiens befasste.“

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