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Paul Lendvai: Leben eines Grenzgängers : Am Anfang war stalinistischer Übereifer

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Doch Lendvai hatte nicht nur sich selbst moralisch und journalistisch ein Bein gestellt - nach seiner Flucht in den Westen 1957 musste er sich schämen und fühlte sich zur „Wiedergutmachung“ veranlasst -, sondern auch den Argwohn der Parteiführung erregt. Wer in der Parteizeitung „Szabad Nép“ (“Freies Volk“) und in der Ideologiezeitschrift schrieb, stand stets unter Beobachtung, erst recht, wenn er ein Wunderkind war, das sich auch in seiner Militärzeit damit hervortat, als Rekrut politische Schulungsvorträge zu halten.

Nach eigenem Bekunden gehörte Lendvai ursprünglich zum Kreis des 25 Jahre älteren sozialdemokratischen Vordenkers Pál Justus, der schon 1949 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Lendvais Interviewerin hält ihm entgegen: „Im Buch ,Auf schwarzen Listen’ schreibst du: ,Von 1949 bis 1952 habe ich sowohl als Mensch wie auch als Journalist versagt.’ Wieso das? Und warum nur bis 1952?“ Lendvais Antwort: „Vielleicht betrachte ich das Jahr 1952 deshalb als Schlusspunkt, weil ich 1953 schon eingesperrt wurde. Bis dahin aber habe ich das Regime vorbehaltlos unterstützt, und auch mein Konflikt mit Justus und mein Verrat an ihm resultierten daraus, dass einige von uns jungen Sozialdemokraten, ich gehörte auch dazu, Anhänger der Fusion mit den Kommunisten waren. Also war ich mitschuldig, obwohl ich damals gerade erst dem Flegelalter entwachsen war.“

Nach achtmonatiger Haft erhielt Lendvai Berufsverbot, konnte bis zum Volksaufstand 1956 nicht in seinem Beruf als Parteischreiber arbeiten. Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes erhielt er jedoch wieder journalistische Aufträge, durfte ins kommunistische Ausland reisen, von wo er dann die Flucht nach Wien vorzog. Von da an wurde er der mit Preisen, Orden und Titeln im Jahresrythmus überhäufte journalistische und publizistische Beobachter des östlichen Mitteleuropa.

Die entscheidende Frage stellt ihm seine Interviewpartnerin jedoch im ganzen Buch nicht: Was wäre Lendvai heute, wenn er nicht vom Pál zu Paul (gemacht) geworden wäre? Wenn sein stalinistischer Übereifer nicht - und zwar paradoxerweise keineswegs von seiner Einsicht oder von seinen Gegnern, sondern von seinen ideologischen Freunden - gebremst und durch das von ihm beklagte Berufsverbot neutralisiert worden wäre? Seine journalistische Karriere hätte ihn immer tiefer in die sowjetische Phraseologie verstrickt - sie wäre jedoch vielleicht schon mit dem Wechsel vom Diktator Rákosi zum Diktator Kádár beendet gewesen. Dann hätte Lendvai wohl bereits während des Aufstands als einer der Ersten die Flucht in den Westen ergriffen, doch mit einer unermesslich schwereren Last als dem Aufsatz über die „Tito-Bande“. Ein für alle Spätgeborenen lesenswertes Buch, das nebenbei erklärt, warum sich der Linkssozialdemokrat Lendvai mit der heutigen ungarischen Regierung nicht abfinden mag - und warum deren Anhänger in ihm keinen objektiven Beobachter der nationalkonservativen Politik sehen können.

Paul Lendvai: Leben eines Grenzgängers. Erinnerungen. Aufgezeichnet im Gespräch mit Zsófia Miháncsik. Verlag Kremayr und Scheriau KG, Wien 2013. 255 S., 24,-  €.

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