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Opel : Der Blitz aus Rüsselsheim

Die erste Fabrik Adam Opels lag ebenfalls an diesem Ort, direkt an der Bahnlinie von Frankfurt nach Mainz: Opels Firmenzentrale. Bild: Wresch, Jonas

Stichhaltiger Auftakt: Mit dem Bau einer Nähmaschine begann vor 150 Jahren die Geschichte von Opel in Rüsselsheim.

          3 Min.

          Mit Krisen haben die Opelaner Übung. Drei große Kriege, den Zusammenbruch der Weltwirtschaft 1929, das Ölembargo 1973 hat das Unternehmen überstanden, und derzeit kämpfen die Manager in Rüsselsheim mit den Folgen der Finanz- und Eurokrise. Von alledem konnte Firmengründer Adam Opel nichts wissen, als er 1862 mit dem Bau von Nähmaschinen begann - und so den Grundstein für 150 Jahre Firmengeschichte legte. Wobei: Das Opel-Gründungsdatum darf mit einiger Freiheit bestimmt werden. Denn in den ersten Monaten werkelte der Schlosser Adam Opel nicht in der eigenen, sondern noch in der väterlichen Werkstatt - in eigene Räume in einem ehemaligen Kuhstall zog der südhessische Entrepreneur erst 1863. Die heutige Unternehmensspitze könnte die Jubiläumsfeiern bei Bedarf also noch um ein Jahr verlängern.

          Hanns Mattes

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf die Selbständigkeit hatte sich Opel akribisch vorbereitet. Seine sieben Wanderjahre nach der Lehre in Vaters Betrieb führten den Schlossergesellen nach Belgien, England und Frankreich - in die Zentren des technischen Fortschritts dieser Zeit. In Paris arbeitete der junge Opel schließlich in der Nähmaschinenfabrik Journaux & Leblond, bevor er im Alter von 25 Jahren in die Heimat zurückkehrte. 1863 richtete er sich seine erste eigene Werkstatt ein und lieferte die ersten Opel-Nähmaschinen in der Region aus - zum Unwillen der Schneidergesellen, die ihn der Firmenlegende nach mit Steinwürfen empfingen.

          Autos? - Nur zukunftsträchtige „Stinkkutschen“!

          Doch das Geschäft wuchs: Von 1868 an baute er seine erste Fabrik, schon 1885 arbeiteten 300 Mitarbeiter für das Unternehmen und fertigten 18.000 Nähmaschinen pro Jahr. Als Opel 1895 starb, hinterließ er seinen fünf Söhnen ein florierendes Unternehmen. Doch Erfolg kann auch den Kern des Scheiterns in sich bergen. Um die Jahrhundertwende stand der Weltmarkt für Nähmaschinen vor dem Kollaps, allein die Produktion in Deutschland übertraf die Nachfrage des gesamten Weltmarkts. Gut, dass die fünf Opel-Jungs ihren Vater schon früh von einem hochmodernen Fortbewegungsmittel überzeugt hatten. Nein, nicht etwa Autos - die hielt Adam für wenig zukunftsträchtige „Stinkkutschen“, sondern Fahrräder. 1886 wurde das erste Velociped montiert, und die Räder aus Rüsselsheim wurden zum Renner und Opel in den zwanziger Jahren zum weltgrößten Hersteller.

          Das erste Auto wurde in Rüsselsheim 1898 gebaut, keine Eigenkonstruktion, sondern eine Entwicklung von Friedrich Lutzmann. Der erste wahre Opel mit dem schlichten Namen „10/12 PS“ folgte 1902. Mit der Produktpalette (Autos, Fahrräder, Motorräder, Lastwagen, Motorpflüge) wuchs auch das Werk: Auf einer Fläche von 73 Hektar arbeiteten 1912 schon 3000 Menschen „beim Opel“.

          Mit GM zurück in die Erfolgsspur

          Hatte sich Adam Opel noch die Nähmaschinenfertigung von den Franzosen abgeschaut, so folgte sein Unternehmen 1924 einem amerikanischen Vorbild. Opel wurde zur ersten Fabrik in Deutschland, in der wie bei Ford am Fließband produziert wurde. Der Kontakt zu Detroit sollte noch enger werden: In der Weltwirtschaftskrise verkauften die Opels die Mehrheit an ihrem Unternehmen, dem mittlerweile größten Autobauer in Deutschland, an General Motors (GM). Der Deal mit den Amerikaner war nötig geworden, weil Opel in die roten Zahlen gefahren war. Doch mit Hilfe von GM kehrte Opel in die Erfolgsspur zurück.

          Der Tiefschlag sollte folgen: 1944 wurde bei einem Luftangriff das Rüsselsheimer Werk, in dem während des Krieges Lastwagen und Flugzeugteile gebaut wurden, schwer beschädigt. Konsequenz: 1945 wurde bei Opel kein einziges Auto mehr gebaut, die Anlagen der Kadett-Produktion gingen als Reparationsleistung an die Sowjetunion. Erst 1947 sollten die Bänder wieder anlaufen, 1948 wurde der Kapitän zum ersten Opel-Nachkriegsmodell.

          2008 stand die Marke schon zur Disposition

          Es folgten Jahrzehnte rasanten Wachstums. 1951 arbeiteten mehr als 19.000 Menschen bei Opel, 1972 standen gar 60.000 Menschen auf der Lohnliste. Modelle wie Manta oder GT erlangten Kultstatus. Doch im folgenden Jahrzehnt folgten Entscheidungen, deren Folgen bis in die aktuelle Krise Opels reichen. Das Unternehmen schwenkte auf einen drastischen Sparkurs, der bis heute mit dem Manager José Ignacio López de Arriortúa (Spitzname: Der Würger von Rüsselsheim) verknüpft wird. Bald hatten die bis dato als zuverlässig geltenden Autos von Opel mit Qualitätsproblemen zu kämpfen, eine unattraktive Modellpolitik tat ein Übriges. 1993 verabschiedete sich Opel mit der Einstellung der Produktion des Senator von der oberen Mittelklasse, das höherpreisige Marktsegment sollte wohl mit der GM-Marke Cadillac bedient werden. Die Kunden hörten, verstanden und kaufen seitdem Mercedes oder Audi.

          2008 erreichte Opel einen Tiefpunkt: Die Marke stand zur Disposition, ein Verkauf an den Zulieferer Magna sollte die Rettung bringen. Den sagte GM schließlich ab und arbeitet seitdem daran, Opel wieder in die Gewinnzone zu führen. Doch Sanierungserfolge wurden durch die Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa wieder zunichtegemacht. Besserung erhofft sich das Unternehmen mit derzeit noch 40.000 Beschäftigten in Europa unter anderem von neuen Modellen. Zwei von ihnen - Adam und Mokka - werden heute vorgestellt, wenn von 10 bis 15 Uhr im Stammwerk das Firmenjubiläum gefeiert wird.

          Geschichtlicher Überblick

          1862

          Der Schlosser Adam Opel beginnt in Vaters Werkstatt mit dem Bau von Nähmaschinen.

          1863

          In einem ehemaligen Kuhstall stellt Adam Opel im Frühjahr seine erste Nähmaschine fertig.

          1886

          Opels Söhne überzeugen den Vater, als zweites Standbein der Produktion auf Fahrräder zu setzen.

          1898

          Das erste Auto „Made in Rüsselsheim“ ist noch kein eigener Entwurf: der Opel Patentmotorwagen System Lutzmann.

          1924

          Als erste Fabrik in Deutschland beginnt bei Opel die Produktion am Fließband nach amerikanischem Vorbild.

          1929

          General Motors kauft den damals größten deutschen Autobauer.

          1936

          1,1 Liter Hubraum, 23 PS: Opel beginnt mit dem Bau des Kadett.

          1944

          Ausgebombt: Es dauert bis 1946, bis in Rüsselsheim wieder produziert werden kann.

          1959

          Auf großer Fahrt: Der von 1959 bis 1964 gebaute Kapitän P 2,6 zählte zur Oberklasse.

          1966

          Opel steuert auf Expansionskurs und baut in Kaiserslautern ein neues Werk.

          1968

          Kultstatus: Der Opel GT wurde auch in den Vereinigten Staaten verkauft und galt dort als „Baby-Corvette“.

          1982

          In einem Ascona wird Walter Röhrl Rallye-Weltmeister.

          2009

          In der Krise hoffen Opelaner auf Angela Merkel.

          2012

          Neue Modelle wie der Mokka sollen die Absatzflaute in Europa beenden.

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