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Ökonomie des Teilens : Das Netz der Mitesser

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Der Hühnereintopf kommt dampfend auf den Tisch. Bild: Martin Gropp

Über das Internet teilen Menschen ihre Autos und Wohnungen. Jetzt sind zumindest in Amerika auch ihre Küchen an der Reihe.

          Mit Messer und Gabel wollte Noah Karesh eine neue Kultur entdecken, doch das war gar nicht so einfach. Als er vor Jahren einmal durch Guatemala reiste, hatte Karesh eigentlich auch geplant, das mittelamerikanische Land mit dem Gaumen zu erkunden. Doch wie in anderen Staaten rund um die Erde haben sich auch dort viele einschlägige Fastfoodketten breitgemacht, die Einheitsbrei servieren. Am Ende der erfolglosen Suche nach einheimischer Kochkunst waren er und seine Freunde nur noch müde, frustriert und vor allem hungrig. Dann baten sie um Hilfe.

          „Auf der Straße fragten wir jemanden, wo man denn original guatemaltekische Küche bekommen könnte“, sagt Karesh heute. Auf dem Gesicht des Angesprochenen sei ein großes Lächeln erschienen, und seine Augen seien ganz groß geworden. „Kommt doch einfach mit zu uns nach Hause. Meine Mutter kocht für euch“, lautete die Antwort. „Als wir eintraten, lag schon ein feiner Duft in der Luft“, erinnert sich der heute 32 Jahre alte Amerikaner in San Francisco im Gespräch auf einer Journalistenreise, zu der das „Washington Foreign Press Center“ des amerikanischen Außenministeriums eingeladen hatte. „Es war ein geniales Erlebnis.“

          Mein Herd ist Dein Herd

          Solche Erfahrungen versucht Karesh über das Internet inzwischen auch anderen Menschen zugänglich zu machen. Aus dem hungrigen Mann von einst ist der Gründer und Geschäftsführer der Internetplattform Eatfeastly.com geworden. Über diesen Online-Marktplatz laden nach Kareshs Angaben inzwischen mehr als 1000 Hobbyköche - aber auch Profis - Fremde ein, an ihren Tischen Platz zu nehmen, sei es zu Hause oder an ungewöhnlichen Orten wie etwa in einer Kirche oder einem Nachtclub. Auf der Plattform annoncieren vor allem Teilzeitküchenchefs Mahlzeiten, zu denen sich andere Nutzer der Plattform dann gegen Bezahlung anmelden können. Von dem Umsatz, den ein Gastgeber erwirtschaftet, behält das Netzwerk laut Karesh 12 Prozent, der Rest geht an den Koch. Auf der Plattform sind Mahlzeiten annonciert, die zwischen 20 Dollar und 135 Dollar kosten. Mein Herd ist dein Herd, mein Esstisch deiner, lautet das Motto. Zumindest einen Abend lang, und wenn dabei noch etwas für den Gastgeber abfällt, umso besser.

          Sophie Speer werkelt in ihrer Küche in San Francisco.

          Über das Netz vermittelte Nahrungsaufnahme ist wohl die neueste Ausprägung der „Sharing Economy“. Mit diesem in Amerika ersonnenen Begriff wird eine Wirtschaftsform bezeichnet, in der sich Menschen ihren Besitz mit anderen teilen. Am Anfang stand die gemeinsame Nutzung von Autos, das sogenannte Carsharing. Dann folgte über Mitwohnplattformen wie Airbnb die Vermittlung von Wohnraum an Dritte. Jetzt sind auch Töpfe, Teller und Besteck dran.

          An diesem Abend in San Francisco gehören die Gegenstände Sophie Speer. In einem grünen Sommerkleid wirbelt die aparte 26 Jahre alte Gastgeberin durch ihre Küche, röstet Mandeln als Appetitanreger, füllt Oliven in eine Schale, schneidet selbstgebackenes Brot und serviert Butter. Im Ofen brodelt schon „Sophies Chicken Pot“, ein eintopfartiges Gericht aus Hühnchen und Gemüse, das sie später mit Couscous servieren wird. Davor läuft Speer noch mal auf den Balkon, um schnell noch ein paar frische Kräuter zu ernten.

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