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„Ödipus Stadt“ in Berlin : Lauter Schwimmer gegen den Fluss des Irrsinns

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Der König hat eine Krone, aber die Krone hat nicht den König; sie passt auf jeden Kopf: Ulrich Matthes als Ödipus. Bild: Foto Arno Declair

Tapferkeitstheater: Stephan Kimmig inszeniert „Ödipus Stadt“ nach Sophokles, Euripides und Aischylos in Berlin.

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          Der König trägt eine Krone. Sie ist aus braunem Pappkarton geschnitten, als hätten sie Kinder gebastelt. Die Könige wechseln. Die Krone überdauert. Und während die Könige für die Macht sterben, bleibt die Krone samt der Macht, die sie symbolisiert, begehrt im Spiel - fragil und provisorisch. Einmal liegt sie auf dem Boden, und der aktuelle König, der Kreon heißt und von Susanne Wolff dargestellt wird, beugt sich sehr weit vornüber, bis er sich die Krone ohne Zuhilfenahme der Hände auf den Kopf stecken kann. Er krönt sich wie ein Clown, er lächelt und freut sich über seine kleine artistische Einlage, aber was seine Herrschaft betrifft, versteht er keinen Spaß.

          So war das damals, als ein Mann namens Ödipus lebte, und so ist es noch heute, lässt der Regisseur Stephan Kimmig vermuten, der die Saison am Deutschen Theater Berlin nun mit „Ödipus Stadt“ eröffnet. Diese „Theben-Trilogie“ verbindet die Tragödien „König Ödipus“ und „Antigone“ von Sophokles, „Sieben gegen Theben“ von Aischylos und „Die Phönizierinnen“ von Euripides.

          Kimmigs nur zweieinhalbstündige Inszenierung reduziert die Stücke auf das Phantom der Macht und zeigt besonders die Deformationen, die der Einzelne dabei erleiden kann. Aus den Spiegeln, die der antiken Gesellschaft von den verschiedenen Dramatikern vorgehalten wurden, wird hier eine bei aller verdichteten Privatheit doch politische Familienchronik. Deshalb ist der Chor komplett gestrichen, denn das Volk hat keine Stimme mehr, die Obrigkeit ist ihm unüberwindlich entrückt.

          Als hätte Kimmig an den dem Heraklit zugeschriebenen Satz gedacht, dass alles fließt, hält er die Handlung in dauernder Bewegung, wofür er individuelle Reflexionen und allgemeine Erwägungen durchweg gelöscht hat. Einerseits trivialisiert diese reine Konzentration auf den dramatischen Lauf die Aufführung ein wenig, andererseits verdichtet sie die inhaltlich kontroversen Positionen der Protagonisten. Wie ein ausgetrocknetes Flussbett der Geschichte wirkt das von Katja Haß entworfene breite, lehmfarbene Band, das die gesamte Bühne bedeckt und hinten steil ansteigt. Immer wieder rennen die Figuren in Wut- und Verzweiflungsschüben diese Steilwand hoch, an der sie prompt abrutschen.

          Vehementer Minimalismus

          Ansonsten stehen die neun Darsteller meist reglos weit voneinander entfernt und pumpen ihre ganze Energie ins Sprechen. Alle haben graue Röcke an, flache Straßenschuhe und bunte Unterhemden oder Tops. In einem plausibel einstudierten, vehementen Minimalismus werden Worte, Blicke, Gesten wie Schwerter gekreuzt, die Emotionen schlagen Funken. Ulrich Matthes als Ödipus etwa baut seine Reden zu Hörspielen voller Hochmut, Panik und Grauen aus. Höchstens presst dieser hell gekleidete König dem blinden Seher Teiresias entsetzt den Mund zu, als er dessen Offenbarungen nicht länger ertragen kann, will später, wenn die Leichen seiner Angehörigen nebeneinander an der Rampe liegen, in den Schoß seiner Frau und Mutter Iokaste zurückkriechen. Schließlich tobt und tanzt er wie ein verrückt gewordener Unglücksrabe in den Irrsinn und verschwindet im Dunkeln.

          Stets leistet ihm sein Schwager Kreon Beistand, der in Kimmigs Inszenierung zur vielschichtigsten Figur gerät. In allem scheint der das Gegenteil des Ödipus zu sein: schwarz gewandet, von einer Frau gespielt und zumindest am Anfang rational und bodenständig. Susanne Wolff zeigt diesen bald aufsteigenden Politprofi aus der zweiten Reihe mit famoser Lust an der eitlen Raserei, die sich bis zur selbstzerstörerischen Egomanie hochschaukelt.

          Seinen Sohn Menoikeus, der sich zur Rettung Thebens umgebracht hat, auf den Armen, sinkt Kreon zu einer unseligen Pietà zusammen, ab nun kennt er keine Gnade mehr: Er nimmt dem verstorbenen König Eteokles die Krone für sich ab, verbannt den blinden Ödipus und schnauzt dessen Tochter Antigone an, dass er sie mit seinem Sohn Haimon zu verheiraten gedenke. Für Frieden sorgen all die harschen Maßnahmen, die einstudierten Posen als Volkstribun, die Hybris im Machtrausch nicht, weil Antigone gegen Kreons Anweisung ihren Bruder Polyneikes begraben will, den Eteokles ermordete, als er beider Heimatstadt angriff.

          Soll der Tote sein Recht bekommen oder der Vaterlandsverräter den Geiern überlassen werden? Mit mädchenhafter Unschuld und der Verve einer antiautoritär erzogenen höheren Tochter amüsiert sich Katrin Wichmann als Antigone über den in seinem Größenwahn erstarrten Kreon, verspottet ihn, tanzt ihn aus, fürchtet keine Sekunde sein Herrschaftsgebaren. Mit aller Leidenschaft, die diese Rolle bietet, brüllt sie ihm die Leviten und prophezeit das nahe Ende seiner Tyrannei.

          Die Aufführung, die bewusst distanziert begann, steigert sich am Schluss in einen flammenden Appell: Nicht lügen! Nicht wegschauen! Das ist naiv gedacht, doch überzeugend umgesetzt. Denn Kimmigs Inszenierung lebt nicht von einem zivilisationskritischen Konzept, sondern von der Demut gegenüber den antiken Stoffen und einem eindrucksvollen Ensemble, zu dem noch Barbara Schnitzler als zerrissene Iokaste, Sven Lehmann als wohlfrisierter Teiresias sowie Felicitas Madl, Elias Arens, Moritz Grove und Thorsten Hierse zählen. IRENE BAZINGER

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