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Oberbürgermeisterwahl : Comeback der Wutschwaben

Ein altes Gegen-Stuttgart-21-Schild hängt im verlassenen Zeltlager. Vor der Oberbürgermeisterwahl wird der Bahnhof wieder ein Thema. Bild: dapd

Anlässlich der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart lebt der Bahnhofsstreit wieder auf. Für viele Bürger bleibt es ein wichtiges Thema. Stuttgart 21 könnte eine zweite Wahl entscheiden.

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          Wer in Stuttgart eine Festhalle füllen will, muss entweder Cro, den schwäbischen Panda-Masken-Rapper, oder die vier ernsthaften Bewerber zur Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl einladen. 30 Diskussionsrunden hat es gegeben - fast alle waren ausgebucht. Die seit ihrer Gründung mit schwäbischen Genen gesegnete Berliner „tageszeitung“ hatte am Donnerstagabend in das „Theaterhaus“ am Pragsattel eingeladen - ein beliebter Ort der Alternativkultur.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Sebastian Turner, parteiloser Kandidat von CDU, FDP und Freien Wählern, Bettina Wilhelm, die parteilose Kandidatin der SPD, Fritz Kuhn, der frühere grüne Bundespolitiker, und Hannes Rockenbauch, linker Stadtrat und Kopf der Anti-Bahnhofs-Bewegung, sollten darüber reden, was sie in Stuttgart bewegen wollen, falls sie am 7. Oktober gewinnen würden. 1000 Zuhörer kamen, größtenteils linksliberales und grünes Bürgertum. Der Journalist Josef Otto Freudenreich, publizistische Kultfigur der Stuttgarter Protestbewegung, sprach predigerhaft einleitende Worte: „Die Hauptfrage ist doch: wem gehört die Stadt, dem schwarzen Filz oder den Bürgern?, sagt er.

          Das Projekt stoppen

          Die Zuhörer jubelten, obwohl die Grünen seit drei Jahren die stärkste Fraktion im Gemeinderat stellen und ein Grüner Ministerpräsident ist. Dass das Interesse am Oberbürgermeisterwahlkampf so groß sei, liege an „der Bewegung“ und nicht am Wahlkampf. Vor zwei Jahren machten die Anti-Bahnhofs-Bürgerinitiativen Stuttgart zur deutschen Wutbürgerstadt. Trotz des Jawortes des Volks zum Bahnhof und fortgeschrittener Bauarbeiten gab es zumindest für Bahnhofsgegner an diesem Abend nur eine Frage: Welcher Kandidat ist willens, das Projekt zu stoppen?

          Bettina Wilhelm machte zu Beginn einen Fehler. Sie warb dafür, das „Rosenstein-Quartier“, das demnächst auf dem ehemaligen Gleisvorfeld gebaut werden soll, als „städtebauliche Chance“ zu begreifen. Dafür erntete sie nur Spott. Für 20 Prozent der Wähler, die am 7. Oktober zur Wahl gehen, könnte Stuttgart 21 weiterhin das wichtigste Thema sein. Angeblich kommen zu den „Montagsdemonstrationen“ derzeit wieder 2000 Wutschwaben. „Stuttgart 21“ könnte noch einmal eine Wahl mitentscheiden: Je mehr Stimmen der 32 Jahre alte Rebell Rockenbauch dem 57 Jahre alten Kuhn wegnimmt, desto größer sind die Siegchancen Sebastian Turners. Turner hielt sich denn auch mit leiser Ironie zurück.

          Kuhn warb im Theaterhaus dafür, den Volksentscheid zu akzeptieren, weder im Gemeinderat noch im Landtag gebe es eine Mehrheit für den Ausstieg. Dann kam Rockenbauch und versprach den Ausstieg. „Wir kommen aus den Verträgen raus, anders als das Land.“ Am Ende fragte ein Zuschauer, ob Kuhn auch dann für den Weiterbau sei, wenn sich herausstellte, dass der neue Bahnhof weniger leiste als der alte? „Ich würde, wenn zweifelsfrei geklärt ist, dass „Stuttgart 21“ ein Rückbau-Projekt ist, dafür plädieren, dass man es nicht baut.“

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