https://www.faz.net/-1v0-6yo5b

OB-Stichwahl in Frankfurt : An den Grenzen des Erfolgs

Aufbruchstimmung: Walter Wallmann 1983 Bild: dpa

Es war vor allem die Kultur, die lange als Kitt zwischen unterschiedlichen politischen Milieus gewirkt hat. In der Stichwahl an diesem Sonntag geht es auch um die Zukunft dieses Modells.

          Ob der nächste Frankfurter Oberbürgermeister von der CDU oder der SPD gestellt wird, darüber entscheiden an diesem Sonntag vorrangig die Stammwähler der Grünen. Im ersten Wahlgang ist der CDU-Kandidat Boris Rhein vor zwei Wochen auf 39 Prozent der Stimmen gekommen, sein sozialdemokratischer Konkurrent Peter Feldmann auf 33 Prozent. Auf den ersten Blick sieht das nach einem komfortablen Vorsprung Rheins für die Stichwahl aus, doch dieser Eindruck täuscht. FDP und Freie Wähler hatten von vornherein keinen eigenen Kandidaten aufgestellt, und auch in den CDU-Hochburgen hat Rhein schon im ersten Wahlgang gut abgeschnitten. Dagegen hatte sich das linke Lager in maximaler Zersplitterung präsentiert. Feldmann hat also noch Potential, nicht zuletzt auch unter den Wählern der Linkspartei und der Piraten.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Ausschlaggebend wird aber das Verhalten der Grünen sein, deren Kandidatin auf 14 Prozent gekommen war. Feldmann sucht sich zunutze zu machen, dass große Teile des Grünen-Milieus dem 40 Jahre alten Rhein skeptisch gegenüberstehen, oder genauer: dessen Image. Schon früh war er Mitglied der CDU-Fraktion in Wiesbaden, die wie die Landespartei als straff organisierter, stramm konservativer Kampfverband gilt, in dem Loyalität gegenüber den Führungspersonen die höchste Tugend ist. Obwohl er persönlich seit Jahren jeden scharfmacherischen Zungenschlag vermieden hat, wird Rhein, inzwischen hessischer Innenminister, vom politischen Gegner mit einigem Erfolg als nicht nach Frankfurt passend diskreditiert.

          Jetzt soll es Petra Roth richten. Die CDU hat viele große Plakatwände mit dem Konterfei der Amtsinhaberin in der Stadt aufgestellt, auf denen diese zur Wahl Rheins auffordert. Frau Roth, die aus Altersgründen nicht noch einmal kandidieren darf, erfreut sich nach 17 Jahren im Amt großer Beliebtheit in der Stadt. Sie verkörpert nicht nur aus eigener Sicht die moderne Großstadt-CDU, sondern hat gewissermaßen ein Urheberrecht darauf: In Fragen von Drogen- und Integrationspolitik hat sie früh einen liberalen Kurs eingeschlagen, in der Sozialpolitik pflegte sie die Frankfurter Tradition, freiwillige Leistungen großzügig zu gewähren. Die Empfehlung Frau Roths soll Rhein quasi in diese Tradition stellen.

          Ein Spaziergang am Mainufer

          Was den Erfolg und die Popularität der bisherigen Oberbürgermeisterin, abgesehen von ihrem Talent für repräsentative Auftritte, vor allem ausmacht, ist ihr Faible für Kultur. Man kann die Bedeutung gar nicht überschätzen, die Präsenz und Akzeptanz in der Kunstszene für den Erfolg eines Oberbürgermeisters haben. Das gilt zumindest für eine wohlhabende Stadt wie Frankfurt, die seit Jahrzehnten keine elementaren finanziellen Sorgen kennt. Bei Kulturereignissen trifft das intellektuelle, politisch eher links stehende Milieu mit konservativeren, gutbürgerlichen Kreisen zusammen. Die Kultur sorgt in einer Stadt wie Frankfurt, die vielen immer noch als kalt und geldgetrieben gilt, für Verbindlichkeit. Pathetisch gesprochen: für Heimatgefühl.

          Jetzt soll es Petra Roth richten: Wahlplakate von Boris Rhein für die Stichwahl am Sonntag

          Das hatte schon Walter Wallmann erkannt, der 1977 eine lange Reihe sozialdemokratischer Stadtoberhäupter im roten, von den Demonstrationen der Achtundsechziger und den gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Hausbesetzern aufgewühlten Frankfurt beendete. Er war 1977 als weithin unbekannter CDU-Bundestagsabgeordneter von Marburg nach Frankfurt geholt worden, um hier als Spitzenkandidat gegen die SPD in den Wahlkampf zu ziehen. Mit seiner Partei gewann er die absolute Mehrheit, die allerdings eher von den Sozialdemokraten verloren worden war: Die SPD war in Machtarroganz erstarrt, von Korruptionsskandalen erschüttert, hatte sich in Flügelkämpfen aufgerieben und war vom Kampf mit der linksradikalen Szene erschöpft.

          Topmeldungen