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Norman Mailers neuer Roman : Satans kleiner Liebling

  • -Aktualisiert am

Setzt auch mit vierundachtzig noch auf volles Risiko: Norman Mailer Bild: AP

Hatte Hitler eine glückliche Kindheit? Norman Mailer, mit vierundachtzig Jahren immer noch das Enfant terrible der amerikanischen Literatur, zeichnet in seinem neuen Roman die Jugend eines Monstrums nach. Mit metaphysischen Mitteln.

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          Der Vater versucht sich auch als Imker. Zwei Bienenvölker hat er erworben, und als das eine im Frühjahr zu schwärmen und sich zu vermehren beginnt, das andere aber von Tag zu Tag mehr Leichen auf dem Boden des Bienenstocks zurücklässt, ergreift ihn eine große Unruhe. Eine schreckliche Krankheit musste das eine Bienenvolk befallen haben. So beschließt er, um das gesunde Volk zu retten, das kranke zu vergasen. „In der Natur“, erklärt er seinem Sohn, dem kleinen Adi, „gibt es keine Gnade für die Schwachen.“ Worauf Adi antwortet: „Das stört mich nicht.“

          Den Leser aber mag die Szene, die Norman Mailer in seinem neuen Roman „The Castle in the Forest“ beschreibt, nicht nur stören, sondern von Grund auf verstören. Denn er weiß, dass Adi mit seinem Vater den Nachnamen Hitler teilt und später seinen vollen Vornamen bevorzugt: Adolf. Ehe er es aber schafft, das Buch auf Seite 200, also noch nicht einmal in der Mitte, endgültig zuzuknallen, schaltet sich der Erzähler ein und warnt ihn, weder aus der Vergasung noch der Zahl der Honigbienenleichen zu viel zu machen: „Es ist nicht als alleiniger Grund für alles, was später geschieht, zu verstehen.“ Mehr ist von diesem Ich-Erzähler auch nicht zu erwarten.

          Durch Inzest optimiertes Erbgut

          Vorgestellt hat er sich auf der ersten Romanseite als ehemaliges Mitglied einer „unvergleichlichen Spionageeinheit“, der „SS, Sonderabteilung IV-2a“, die unter Aufsicht von Heinrich Himmler stand. Nach „Moby Dick“-Art, immerhin, beginnt er seine Erzählung: „Sie können mich D. T. nennen“ - was für Dieter stehen soll, aber auch das ist nur eine Finte. Als Adis Vater Alois die Bienen vergast, ist dem Leser längst bekannt, dass der charmante, blonde, blauäugige, gewitzte D.T. in Wirklichkeit ein Mitarbeiter nicht eines teuflischen Massenmörders, sondern des Teufels selbst ist.

          „The Castle in the Forest“ erhebt den Anspruch, Kindheit und Jugend Adolf Hitlers nachzuzeichnen. Mailer erfindet dazu eine inzestuöse Vorgeschichte, die sich zu einem erheblichen genealogischen Kuddelmuddel verdichtet. „Inzestuarier“, wie er diese nicht immer vorschriftsmäßig reinblütigen Arier nennt, erregen nun aber das wissenschaftliche Hauptinteresse Himmlers, dessen genetische Theorien auf der Spekulation beruhen, erst eine durch Inzest optimierte und intensivierte Kombination des Erbguts habe einen visionären Supermann vom Schlage des „Führers“ hervorbringen können. Ein Albtraum nicht zuletzt für den Leser. Er hat seine liebe Mühe, sich unter den wild durcheinanderkopulierenden Poelzls, Schicklgrubers, Glassls, Hiedlers und Hitlers zurechtzufinden, bis Adi endlich Ordnung in die Handlung bringt.

          Keine Angst: Die Story weitet sich ins Metaphysische

          Allerdings geht es daraufhin nicht weniger skurril oder unappetitlich zu. Onanistische Praktiken, die patriotische Anwandlungen ebenso nach sich ziehen wie den Oberlippenschmuck des jungen Hitler, und fäkalienhaltige Divertissements gehören zu den Bausteinen von Adis Seelenbildung. Vom Vater geschlagen und von der Mutter verwöhnt, erweist sich der einhodige Bettnässer als eher unterdurchschnittlicher Schüler, zeichnet sich aber beim Kriegsspiel im Wald aus. Sein Verhältnis zum weiblichen Geschlecht ist problematisch. Doch keine Angst, Mailer läuft nicht Gefahr, das Duo Dani Levy und Rolf Hochhuth zum humoristischen Trio zu ergänzen, er hat nicht einmal wirklich Lust zum poppigen Psychologisieren - auch wenn passagenweise der Eindruck entstehen könnte. Seine Story weitet sich ins Metaphysische.

          Auch ließe sich beinahe behaupten, in seinem Hitler-Roman gehe es gar nicht um Hitler. Adi zieht unweigerlich alle Aufmerksamkeit auf sich, doch im Brennpunkt steht der Kampf um den Menschen oder, wie es bei D. T. heißt, um den Klienten. Wer die Kämpfer sind? Schon bei Adis Zeugung sind Klara und Alois nicht allein. Dem Akt wohnt auch der „Maestro“ bei, während D. K. den Kürzeren zieht, was kein Wunder ist, denn D. K. steht im Wörterbuch des Unterteufels für Dummkopf. Der Gegenspieler ist schlauer und nennt sich nur deshalb Maestro, weil Satan doch etwas zu vulgär klingt. Am Ende kommen dem Erzähler D. T. zwar Zweifel, ob es wirklich sein Boss war, der sich an der weltverändernden Begattungsfestlichkeit beteiligt hat, aber einer aus den allerobersten Höllenrängen war es bestimmt.

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