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Neues AC/DC-Album : Das Wunder der vier Köpfe

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Wer ist hier der böse Onkel? Cliff Williams, Brian Johnson, Stevie Young und Angus Young sind gerade AC/DC. Bild: Sony Music

Einer fehlt, aber man überhört es. Auch ohne Malcolm Young gehört die neue AC/DC-Platte jetzt schon zum Weltkulturerbe des Rock. Ein überraschender Wurf.

          Es sah zuletzt nicht gut aus mit AC/DC: Nachdem im Frühjahr bekanntgeworden war, dass der Rhythmusgitarrist nicht mehr würde mitmachen können, war ein, gelinde gesagt, sehr wichtiger Faktor der Band und damit eigentlich schon diese selbst ausgeschaltet. Diese Zeitung erkannte den Ernst der Lage am klarsten und veröffentlichte ordnungsgemäß, aber natürlich nur ausnahmsweise einen Nachruf zu Lebzeiten. Dann kam heraus, dass die verbliebenen vier Musiker aber doch schon wieder mit frischen Ideen ein Studio aufgesucht hätten, so dass die neue Platte - die erste ohne Malcolm Young! - nur noch eine Frage der Zeit sein würde. Das erste neue Lied, das dem Publikum daraufhin aber nur so hingeworfen wurde wie ein Knochen einem räudigen Hund, ließ viele Fragen offen - man konnte in der halben Minute sein eigenes Wort nicht verstehen, so laut waren die Hintergrund-Geräusche, die mit Musik nichts zu tun hatten.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Und dann gab es noch diese undurchsichtige Geschichte mit Phil Rudd. Der kraftvolle Schlagzeuger, hieß es, habe Ärger mit der Polizei, und zwar richtig, nicht so wie früher der Ur-Sänger Bon Scott, den man mehrmals wegen Mofa-Frisierens drangekriegt hatte. Rudd habe nämlich zwei Morde in Auftrag gegeben, von denen aber offenblieb, ob sie schon ausgeführt wurden und, wenn ja, an wem. Für kurze Zeit hat man ihn sogar verhaftet, aber an der Sache schien dann doch nichts dran zu sein. Unvorteilhafte Fotos mit dem schon von Haus aus mürrischen, tätowierten und meistens wohl angetrunkenen Mann machten natürlich trotzdem die Runde. Ein tragender Kopf eines fünfköpfigen, längst dem Weltkulturerbe angehörigen Riffmonsters unter Arrest, also praktisch abgeschlagen - das hatte es zuletzt 1966/67 bei den Rolling Stones gegeben. Aber die Köpfe wachsen eben, wie bei jeder Hydra, nach, wobei es hier im Moment danach aussieht, als würde für zwei abgehackte Köpfe - denn Malcolm wird nicht wieder gesund werden - zunächst nur einer nachwachsen. Ist das nun eine mythologische Inversion? Von so etwas sollte man lieber nicht sprechen, dafür ist die Lage zu ernst und zu real.

          Blut ist eben dicker als Wasser

          Aber was geht es die Welt eigentlich an, wie es um eine Hardrock-Gruppe steht, die seit vierzig Jahren immer nur das Gleiche macht: zwei Starkstrom-Gitarren, die eine dünn aufjaulend, die andere mit absolut schlackenlosen Riffs einen dicken, ungemein strapazierfähigen Rhythmusteppich auslegend; einen Achtelnoten vor sich hin pluckernden Bass und ein barbarisches Schlagzeug, das nicht den Ehrgeiz hat, sich streng metronomisch zu verhalten, sondern mannschaftsdienlich arbeitet - was geht das die Welt an? Mehr, als mancher denken mag. 200 000 000 Plattenkäufer - so viele wurden erst neulich wieder errechnet, wobei die Dunkelziffer erheblich höher sein dürfte - können ja nicht irren, jedenfalls nicht alle auf einmal.

          Und jetzt kommt auch der Rest der Menschheit nicht drum herum, Notiz zu nehmen vom neuesten Streich dieser derzeit tatsächlich nur vierköpfigen Hydra. Denn für Malcolm Young ist der Neffe Stevie eingesprungen, der seinen Onkel schon einmal vertreten hatte, als dieser eines seiner vielen Alkoholprobleme hatte. Phil Rudd, der das Album mit eingespielt hat, aber bis auf weiteres vom Dienst suspendiert ist, wird sich hoffentlich bald wieder zusammenreißen und nicht auch noch einen Nachfolger brauchen, sonst kratzt Malcolm den Rest an Verstand zusammen, den ihm das Saufen und die leider fortschreitende Demenz noch gelassen haben, und haut ihn mit einem seiner gefürchteten Aufwärtshaken k.o.

          Die Hydra im Urzustand

          Was ist von der Platte zu halten? Sagen wir es so: Dort, wo von diesem Freitag an „Rock Or Bust“ (Columbia Records/Sony Music) erklingt, wird so bald kein Gras mehr wachsen. (Man muss bei allem, was jetzt noch zu sagen ist, dazu denken: und das alles ohne Malcolm Young!) Der allererste Eindruck irritiert trotzdem, ist aber gut. Das Titelstück - „In rock we trust / rock or bust“: Dafür müsste Sänger Brian Johnson nun aber endlich mal den Literaturnobelpreis kriegen - klingt im ersten Takt genau wie „Highway To Hell“, mit dem der Hardrock 1979 in eine andere Umlaufbahn geschossen wurde, ein Stromschlag wie von einem kräftigen Zitteraal, der einem sofort das Gefühl gibt, dass das Abhören dieser Platte nicht bloß so nebenbei absolviert werden kann, sondern den ganzen Mann erfordert. (Angeblich hören ja auch so viele Frauen diese Musik gerne; ich kenne keine.)

          Auch die folgenden zehn Lieder, in denen Wörter wie „Rock“, „Fire“ und „Thunder“ prominent vorkommen, bieten, bandtypisch, nur ein Minimum an Abwechslung: Mal braut sich da bluesig was zusammen, mal gibt es einen wuchtigen Punch auf die Zwölf, mal verhaken sich die Gitarren in Midtempo-Läufen ineinander wie sagenhafte Riesenschlangen. Das alles wirkt nach wie vor sehr kraftvoll und angenehm primitiv.

          Herakles hätte keine Chance

          Zwei kleine Überraschungen birgt das mit 35 Minuten kürzeste AC/DC-Album aller Zeiten: die in der Tat verblüffenden Anklänge an die große Zeit 1979/80 und eine vielleicht gar nicht mal beabsichtigte Reverenz an „Borderline“, einen Neunminüter der heute vergessenen englischen Gruppe The Greatest Show On Earth - das flirrende Gitarren-Intro von „Dogs of War“ klingt wie geklaut und nicht erwischt.

          Und der Neffe? Stevie Young macht seine Sache unerwartet gut, auch wenn er eher wie der Onkel der Young-Brüder aussieht. Vielleicht hat sein Spiel nicht ganz Malcolms Rohheit und diesen einzigartigen drive, aber das kann ja noch kommen - spätestens bei der Welttournee nächstes Jahr, welche die Musiker allen Ernstes planen. Wenn dann der Dinosaurier, mit wie viel Köpfen auch immer, wieder über die Erde stampft, giftigen Rauch aus jeder Öffnung der ledrigen, von Narben übersäten Haut blasend, dann wird es mit „warm anziehen“ nicht getan sein. Dann muss man sich auf andere Weise bereithalten für dieses zählebige Weltwunder.

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