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Neuer „Tatort“ aus Münster : Lieb mich ein letztes Mal

Da ist er, leibhaftig: Roland Kaiser. Im „Tatort“ heißt er Roman König. Und singt. Was täte er auch sonst? Bild: Martin Menke/WDR

Roland Kaiser bereichert den „Tatort: Summ, Summ, Summ“ aus Münster: Ein hanebüchener Plot, hart am Rande der Tragikomödie, aber ein ganz großer Spaß.

          3 Min.

          Wie ließe sich ein „Tatort“ aus Münster noch ein wenig aufhübschen? Über sein Markenzeichen hinaus, das von den Zuschauern erwartete Gezänk zwischen dem eher rustikalen Kommissar Frank Thiel und dem einigermaßen snobistischen Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne? Mit einem Star, mal aus einer anderen Branche zur Abwechslung, könnte die Antwort lauten. Genau so hat sich das wohl das Autorenteam Stefan Cantz und Jan Hinter gedacht, das jetzt mit „Summ, Summ, Summ“ seinen zehnten Münsteraner Fall abliefert - und der hat es in sich.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Da ist nämlich Roland Kaiser drin - was den Sonntagabendtermin zum Must für alle bekennenden und heimlichen Verehrerinnen dieses singenden Beschwörers insbesondere verbotener Nächte macht. Roland Kaiser, der 1952 als Ronald Keiler in Berlin geboren wurde, spielt den umjubelten Schlagersänger Roman König, der früher Körner mit Nachnamen hieß und Rockmusik machte, ehe er auf die weiche Erfolgswelle umstieg. Im wahren Leben brachte Roland Kaiser nach seiner schweren Krankheit im Oktober 2010 ein von seinen Fans gefeiertes Comeback zustande, und im wahren Leben wohnt er auch in Münster, was ihn dort obendrein zu einer lokalen Attraktion macht. Im Film lebt er in Berlin, erträgt das Schicksal einer seit zwei Jahren im Wachkoma liegenden Ehefrau, um die er sich rührend kümmert, und ist gerade für ein Konzert in Münster angekommen.

          Selbstredend muss just zu diesem Zeitpunkt der Mord geschehen. Es trifft eine Journalistin aus Bremen, die erdrosselt in einem Abfallcontainer liegt. An ihrer Leiche wird eine Tätowierung entdeckt, eine blaue Tulpe, und sie hat eine offenbar eingelöste Ehrenkarte für ein früheres Konzert Roman Königs. Die Spur führt mithin irgendwie zu ihm. Es wäre aber kein Münster-“Tatort“, wenn jetzt bloß im Hotel am Prinzipalmarkt ermittelt würde, wo der Star abgestiegen ist.

          Einzeller in Sachen Gefühlsleben

          Nein, kein anderer als Boerne war just zuvor im Großmarkt kiloweise Bananen einkaufen, in einem unerwarteten Anfall von Sparsamkeit. Doch mit den Bananenkisten kommen zwei hochgiftige Spinnen in Boernes Wohnung - und nicht nur in diese, sondern sie krabbeln auch in die Wohnung von Thiel, die bekanntlich nebenan liegt, weil dazwischen, wie der Zufall so spielt, gerade ein Handwerkerloch klafft. Bis die Bananenspinnen entfernt sind, flieht Boerne ins Hotel, wo nur noch die sündteure Honeymoon-Suite frei ist, und Thiel zieht auf die Couch im Häuschen seines dauerbekifften Taxifahrer-Vaters, der erstens schon einen anderen Gast aus alten Zeiten beherbergt und zweitens neuerdings Bienen züchtet, weil ihm ein Volk zugeflogen ist. Nur so kann sich die folgende Handlung schürzen.

          Es kommt, wie es muss: Boernes Suite im Hotel liegt neben der des „Schlagerhansels“, der einen „Hausfrauenaufstand“ provoziert, wie Boerne nicht ganz falsch diagnostiziert hat. Doch nun klingen aus Königs Suite hohe Töne von Richard Wagners „Ring“ an sein empfindliches Ohr, was ihn enthusiasmiert dort anklopfen lässt. Die Herren lauschen gemeinsam weiter, und Boerne - den Thiel mal grundsätzlich und auch nicht ganz falsch als „Einzeller“ in Sachen Gefühlsleben kategorisiert - ruft verzückt den „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ mit Roman König aus. Auch bei dessen Konzert am nächsten Abend wird man ihn inmitten hingerissener best agers sehen, fremdelnd, aber durchaus bewegt. „Ein Egoist, wie ich einer war“ singt König vor der ergriffenen Halle, in der auch Thiel, die Staatsanwältin und diverse andere Damen schmachten. Diese Szene ist nicht nur zum (Mit-)Brüllen komisch, sondern gleichsam die Ouvertüre zur Klärung nicht nur eines Falls.

          Staatsanwältin in Goldlamé-Hose

          So viel noch: Der Regisseur Kaspar Heidelbach handhabt den hanebüchenen Plot und dessen Entwicklungen mit stoischer Ruhe, mit leisem und auch schneidendem Witz und mit Feinsinn für Abgründe, hart am Rand der Tragikomödie. Wie beiläufig schraubt er dafür die zugespitzten Wechselreden zwischen Thiel und Boerne, die sich in den letzten Münster-Folgen ein wenig nervensägend verselbständigt hatten, auf ein gewissermaßen menschliches Maß zurück. Entsprechend laufen Axel Prahl und vor allem Jan Josef Liefers zu Hochform in ihren Rollen auf, samt ihren Mitspielern.

          Einfach umwerfend agiert Mechthild Großmann als Staatsanwältin Klemm, die traditionell mit den beiden Ermittlern kollaboriert, interferiert oder harmoniert. Überhaupt sei einmal gesagt, dass sie eine unverzichtbare Gegenposition zu diesem verqueren Männerpaar ist. Im aktuellen Fall brilliert sie als geoutete Roman-König-Anhängerin beim Konzert in Goldlamé-Hose, durch verzeihlich leichte Verwirrung auch, wenn es an die Aufklärung geht. Und mehr tolle Schauspielerinnen halten ihre Köpfe für diesen Krimi hin, in dem ein „Tulpenharem“ von Bedeutung ist: Fritzi Haberlandt gibt eine, allem Anschein nach, Stalkerin Königs aus Dresden, die ihren Job als Krankenschwester aufgegeben hat, um dem Sänger überallhin in einem Wohnwagen zu folgen, auf dem geschrieben steht „Roman König. Herr im Himmel“, und sie betreibt eine Fan-Seite im Internet. Petra Kleinert tritt an als Münsteraner Grüne Witwe (wie das früher einmal hieß, als Roland Kaiser auch noch jünger war), im leopardigen Wickelkleid auf High Heels. Und Ulrike Krumbiegel wahrt als Managerin des Stars zartbittere Contenance, um Roman König gegen die Verfolgerinnen abzuschirmen, bis zur Selbstverleugnung.

          Am Ende steht die Lösung - zweier Morde. Mit ein paar von Roland Kaisers bekanntesten Liedern ließe es sich ungefähr so formulieren: Zwischen „Amore mio“ und „Lieb mich ein letztes Mal“ kann eine ganze Menge Ärger entstehen. Und eine Ansage wie „Manchmal möchte ich schon mit dir das Wort Begehren buchstabieren“ birgt womöglich mehr Risiko als bloß einen betrogenen Gatten: „Ein König weint“ kommt dann freilich zu spät. Dieser „Tatort“ ist schon ein ganz großer Spaß.

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