https://www.faz.net/-1v0-6yj9l

Neue Studie : Deutsche gehen doch nicht so oft zum Arzt

  • -Aktualisiert am

Die ZI-Studie kommt zu dem Schluss: „Die Aussage ,Deutsche gehen besonders oft zum Arzt’ kann in dieser pauschalisierten Form auf Grundlage der vorliegenden Analyse nicht unterstützt werden.“ Bild: dpa

Der Eindruck, die Deutschen besuchten zu oft ihren Arzt, ist falsch. Die Arztgänge der Schwerkranken ziehen die Statistik nach oben.

          2 Min.

          Die Bundesregierung ist dem verbreiteten Eindruck entgegengetreten, die Deutschen gingen übermäßig oft zum Arzt. Zwar sei die rechnerische Zahl von 17 Arztkontakten je Versicherten im internationalen Vergleich hoch, doch führe die isolierte Betrachtung „zu Fehlinterpretationen des Versorgungsgeschehens, wie etwa zur pauschalen Aussage, dass in Deutschland eine zu hohe Arztinanspruchnahme bestünde“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen. Die Regierung bezieht sich dabei auf eine neue Untersuchung des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI).

          Laut den Ergebnissen der auf Daten von 2007 basierenden ZI-Untersuchung gehen Frauen öfter zum Arzt als Männer, wobei sich das im hohen Alter ändert
          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Demnach lösen allein 16 Prozent der besonders Kranken 50 Prozent der Arztkontakte aus. Sie treiben damit die Statistik in die Höhe. Dagegen geht ein Viertel der Kassenmitglieder höchsten viermal im Jahr zum Arzt, ein weiteres Viertel kommt auf höchstens 10 Kontakte, das dritte Viertel auf bis zu 22 Besuche, wobei darunter alle abrechnungsfähigen Kontakte gezählt werden, also auch ein telefonisches Beratungsgespräch oder das Ausstellen eines Folgerezeptes.

          Intensive Behandlung schwerkranker Menschen beeinflusst Statistik

          Die 25 Prozent der Versicherten mit den meisten Arztbesuchen sehen den niedergelassenen Doktor im Schnitt 40 mal im Jahr. Die ZI-Studie kommt zu dem Schluss: „Die Aussage ,Deutsche gehen besonders oft zum Arzt’ kann in dieser pauschalisierten Form auf Grundlage der vorliegenden Analyse nicht unterstützt werden.“ Denn die durchschnittliche Zahl an Arztkontakten werde stark durch die Patienten beeinflusst, die eine intensivere Versorgung benötigten.

          Die hohe Zahl Schwerkranker oder sehr betreuungsbedürftiger Patienten könnte auch erklären, warum die Praxisgebühr von 10 Euro im Quartal nur eine geringe Steuerungswirkung hat und mutmaßlich „überflüssige“ Arztbesuche nicht verhindert. Insofern könnte die Studie der Forderung nach Abschaffung der Praxisgebühr neue Nahrung geben. Während es aus Regierungskreisen am Wochenende dazu hieß, die Bundesregierung plane weiterhin kein Ende der Gebühr, bekräftigte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) seinen Willen, die umstrittene Abgabe abzuschaffen. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle schlug als Alternative ein befristetes Aussetzen der Gebühr vor.

          Frauen gehen öfter zum Arzt als Männer

          Grob gerechnet lösten ein Drittel der Patienten in der ambulanten Versorgung zwei Drittel der Kosten aus, sagte ZI-Chef Dominik von Stillfried. Nach einer Faustformel verursachen in der Gesetzlichen Krankenversicherung 20 Prozent der Versicherten 80 Prozent der Kosten. Laut den Ergebnissen der auf Daten von 2007 basierenden ZI-Untersuchung gehen Frauen öfter zum Arzt als Männer, wobei sich das im hohen Alter ändert. Bis zum 65. Lebensjahr weisen sie jährlich 6,5 Arztkontakte mehr auf als Männer. Begründet wird das durch gynäkologische Untersuchungen. In Ostdeutschland geht man entgegen anderer Studien laut IZ etwas seltener zum Arzt als im Westen. Frauen unter den Kassenmitgliedern beanspruchen zwei- bis dreimal so häufig psychotherapeutische Hilfe wie Männer. Spitzenreiter sind die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen.

          Nach Vergleichen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehen die Deutschen öfter zum Arzt als die Bewohner anderer Industriestaaten. Für 2009 ermittelte die OECD einen Durchschnittswert von 6,5 Besuchen pro Kopf auf der Grundlage von Daten aus 33 Mitgliedsländern. An der Spitze liegt Japan mit 13,2 Arztbesuchen, Chile liegt mit 1,8 Konsultationen am Ende, Deutschland mit 8,2 Arztbesuchen über dem Durchschnitt. Die Bundesregierung warnt aber, internationale Vergleiche seien wegen unterschiedlicher Qualität der Datenquellen nur sehr eingeschränkt möglich.

          Topmeldungen