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: Neue alte Heimat

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TEL AVIV, Anfang JuniEs riecht noch nach frischem Lack. Die Arbeiter haben nur den Saal fertiggestellt. Außen herum gleicht das „Bronfman Auditorium“ einer ...

          TEL AVIV, Anfang Juni

          Es riecht noch nach frischem Lack. Die Arbeiter haben nur den Saal fertiggestellt. Außen herum gleicht das „Bronfman Auditorium“ einer Großbaustelle. Das wird auch noch eine Weile so bleiben. Frühestens in einem Jahr werden alle Arbeiten an der Tel Aviver Halle beendet sein. Doch das „Israel Philharmonic Orchestra“ und seine Zuhörer wollten nicht länger warten und in Ausweichquartieren spielen. Seit einem Jahr und acht Monaten wurde die Heimat des führenden israelischen Orchesters renoviert. Am letzten Mai-Wochenende feierten die Musiker dann unter ihrem Chefdirigenten Zubin Mehta mit einem Festkonzert ihre Heimkehr. Obwohl hinter der Bühne das Bau-Chaos beginnt und im Untergeschoss mit Proben- und Instrumentenräumen sowie einem Kammermusiksaal noch viel zu tun ist für die Arbeiter, waren alle sehr angetan. „Wir sind sehr glücklich über die neue Akustik. Schon während der Proben kamen die Musiker zu mir und schwärmten, wie wohl sie sich hier fühlen“, sagt der Dirigent, der die treibende Kraft hinter dieser Renovierung war.

          Die Freude über die Rückkehr von langen Konzertreisen war für das Orchester bisher nicht ungetrübt. Die Philharmoniker spielen seit Jahrzehnten in den großen Konzertsälen auf der ganzen Welt. Sie wussten aus eigener Erfahrung, dass zu Hause die Akustik zu wünschen übrigließ. Die fünfte Symphonie von Gustav Mahler, die im Mittelpunkt des Eröffnungskonzerts stand, wurde daher zu einer Art vergleichendem Soundcheck. Diese Symphonie gehört zu den Werken, die sie weltweit am häufigsten aufführten. „Jetzt können wir mit den großen Konzertsälen mithalten“, meint Mehta zufrieden. Seit mehr als fünfzig Jahren schon dirigiert er das israelische Orchester.

          Für den jungen Staat Israel war der Bau des „Heichal Hatarbut“ im Jahre 1957 ein Kraftakt. Das Baumaterial sei damals rationiert gewesen, sagt der israelische Architekt Ofer Kolker, der für die Renovierung verantwortlich ist. Er ist voll des Lobs für das ursprüngliche Gebäude der Architekten Dov Carmi, Zeev Rechter and Yaacov Rechter, das für viele Tel Aviver zu den Wahrzeichen ihrer Stadt zählt. „Aber es gab damals einfach nicht genug Geld, ein höheres architektonisches Niveau zu erreichen“, erinnert er sich. Kolkers Aufgabe war es, aus dem Saal herauszuholen, was in ihm steckt. Dabei hat er mit dem japanischen Akustikfachmann Yasuhisa Toyota zusammengearbeitet, der schon die Disney Concert Hall in Los Angeles und die Suntory Hall in Tokio plante. Beide schafften erst einmal mehr Platz auf der Bühne. Die Zahl der Sitze wurde von 2750 auf 2500 verringert - das wird bei einigen Konzertserien zu Engpässen führen, in denen die Abonnenten rund achtzig Prozent des Publikums ausmachen.

          Äußerlich hat sich in der mit dunklem Holz ausgekleideten Halle wenig verändert, doch die Planer gaben dem Klang mehr Raum. Er kann sich nun über die transparenten silbernen Deckensegel hinaus bis zur eigentlichen Decke entfalten. Die Renovierung hatte aber auch profane Gründe: Ohne das neue Feuerlöschsystem dürfte der Saal nicht mehr genutzt werden. Doch stießen selbst die vorsichtigen Umbauten auf Kritik. „Peinlichkeit aus Holz“ lautete die Überschrift bei einer ersten Würdigung des Saals in der Zeitung „Haaretz“. Wegen des Holzbodens und hölzerner Verkleidungen an den Wänden fühle man sich in die biblische Arche Noah versetzt.

          Ohne die Hilfe großzügiger Spender wäre die schnelle Renovierung nicht möglich gewesen. Für knapp die Hälfte der umgerechnet dreißig Millionen Euro Gesamtkosten kam die Stadt Tel Aviv auf. 7,7 Millionen Euro steuerte der kanadische Milliardär Charles Bronfman bei. Die Philharmoniker gehören für diesen jüdischen Mäzen zu den Institutionen, die dazu beitragen, dass Israel international einen „guten Namen“ hat. Zur Bedingung für seine Unterstützung machte Bronfman es allerdings, dass das Gebäude seinen Namen trägt. Bisher war es nach Fredric Mann benannt, der 1957 die damals beachtliche Summe von einer Viertelmillion Dollar gespendet hatte.

          Erst nach längeren Verhandlungen erklärten sich Manns Nachkommen zu dem Namenswechsel bereit. Vor dem Konzertsaal genießen abends nun viele Tel Aviver den neugestalteten Platz neben dem Habima-Nationaltheater. In der Mitte führen ein paar Stufen hinunter zu einem Garten, in dem Kinder barfuß spielen, während aus Lautsprechern die Philharmoniker zu hören sind. HANS-CHRISTIAN RÖSSLER

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