https://www.faz.net/-1w2-6m6q2

: Wozu taugen Ethikräte?

  • Aktualisiert am

Im Mai 2001 richtete der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder per Kabinettsbeschluss den Nationalen Ethikrat ein. 2007 wurde dieses Gremium durch den Deutschen Ethikrat ersetzt, der auf gesetzlicher Grundlage ruht.

          Im Mai 2001 richtete der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder per Kabinettsbeschluss den Nationalen Ethikrat ein. 2007 wurde dieses Gremium durch den Deutschen Ethikrat ersetzt, der auf gesetzlicher Grundlage ruht. Ungeachtet der unterschiedlichen rechtlichen Ausgestaltung ähneln sich beide Ethikräte stark. Zentrales Thema bildet die Entwicklung der Lebenswissenschaften sowie die Einschätzung der damit verbundenen Folgen, vor allem auf dem Feld der Bioethik. Die Zusammensetzung ist charakterisiert durch wissenschaftliche Interdisziplinarität. Neben einigen (meist älteren) Politikern und Kirchenrepräsentanten rekrutiert sich das Gros der Mitglieder aus Vertretern der Natur- und Geisteswissenschaften. Offenbar erhofft man sich vom Zusammenwirken von Theologen, Medizinern, Juristen, Biologen, Philosophen und Soziologen einen gewissen Wert oder vielleicht sogar Mehrwert bei der Behandlung bioethischer Fragen: also etwa der Stammzellforschung, des therapeutischen Klonens, der PID oder auch der Selbstbestimmung am Lebensende.

          Freilich hat es immer wieder kritische Fragen nach Sinn und Zweck solcher Ethikräte gegeben. Ein ganz zentraler Einwand lautet, über Ethik lasse sich überhaupt nicht in wissenschaftlicher Weise handeln, hier sei gar keine wissenschaftliche Expertise möglich. Und dieser Einwand ist bis heute nicht verhallt. Dabei ist im Grunde unstreitig, dass "Wissenschaft für die Entscheidung ethischer Fragen keine überlegene Kompetenz besitzt" (Peter Graf Kielmansegg). Wenn dem aber so ist, warum werden dann Ethikräte mit einem so hohen Anteil an Fachwissenschaftlern etabliert? Und werfen sie, um sogleich mit der vielleicht wichtigsten Frage zu beginnen, nicht ein massives Gleichheitsproblem auf, da wir doch wohl von der moralischen und ethischen Kompetenz aller Bürger ausgehen müssen?

          Für diese Gleichheit in Fragen der Ethik und Moral lässt sich im Grunde bereits der berühmte Mythos von der Entstehung des Staates aus Platons Dialog "Protagoras" heranziehen. Er ist nicht allein ein Mythos der Demokratie. Er sagt uns auch, dass wir - modern gesprochen - über die gleiche Moralkompetenz verfügen. Bei ethischen Fragen sind die Bürger gleich zu achten und ihre (möglicherweise divergierenden) Auffassungen zu respektieren. Anders als bei handwerklichen oder musischen Fähigkeiten kann hier niemand für sich reklamieren, als Spezialist oder besonders herausragender Könner über eine größere Kompetenz zu verfügen als andere.

          Der moderne Verfassungsstaat fügt dem Gedanken ethischer und politischer Selbstbestimmung nun noch etwas hinzu, was die Antike so nicht kannte: die Gewährleistung von Grundrechten. Damit rückt das Individuum endgültig in das Zentrum staatsphilosophischer und staatsrechtlicher Konstruktion. Grundrechte sind Garantien personaler Autonomie und individueller Selbstbestimmung. Sie verbürgen die Freiheit, den eigenen Urteilen und Ansichten, vor allem aber auch den eigenen ethischen Überzeugungen entsprechend zu leben. Sie ermöglichen die Selbstbestimmung über den eigenen Lebensentwurf und seinen Vollzug. Jeder ist sozusagen sein eigener Ethikrat.

          Topmeldungen

          Nicht zu stoppen: Boris Johnson

          May-Nachfolge : Johnson auch in vierter Auswahlrunde klar vorn

          Boris Johnson hat auch die vorletzte Auswahlrunde bei den britischen Konservativen gewonnen. Innenminister Sajid Javid schied aus. Noch heute folgt die letzte Abstimmung bei den Tory-Abgeordneten.
          Europäisches Tandem: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian (links) und sein deutscher Amtskollege Heiko Maas am Mittwoch in Paris

          Plan wider die Lähmung : So wollen Maas und Le Drian Europa stärken

          Das deutsch-französische Tandem stockt. Die Außenministerien in Berlin und Paris haben hinter den Kulissen ein Programm entwickelt, wie es künftig besser laufen kann – und Europa handlungsfähiger werden soll.