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: Verstaatlicht Googles Buchmaschine!

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Was ist die Zukunft der wissenschaftlichen Bibliotheken, und wie können wir uns auf sie vorbereiten? Diese Fragen kann man nicht als "akademisch" abtun, so als gingen sie nur Professoren an, seien für den Rest der Welt aber völlig folgenlos.

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          Was ist die Zukunft der wissenschaftlichen Bibliotheken, und wie können wir uns auf sie vorbereiten? Diese Fragen kann man nicht als "akademisch" abtun, so als gingen sie nur Professoren an, seien für den Rest der Welt aber völlig folgenlos. Denn sie treffen ins Herz dessen, was jeden Bürger heute betrifft: Information und die Frage, wie man sich in Informationen so zurechtfindet, dass daraus Erkenntnis wird.

          Wenn ich versuche, die Zukunft vorherzusagen, schaue ich in die Vergangenheit. Hier beispielsweise auf eine futuristische Phantasie, die Louis Sébastien Mercier 1771 in seinem utopischen Bestseller "Das Jahr 2440" veröffentlicht hat. Mercier schläft darin ein und wacht in Paris siebenhundert Jahre nach seiner Geburt (1740) wieder auf. Im zentralen Kapitel des ersten Bandes besucht er die Nationalbibliothek, wo er erwartet, Tausende von Bänden so in den Bücherwänden stehen zu sehen wie zu seiner Zeit unter Ludwig dem Fünfzehnten. Zu seinem Erstaunen jedoch findet er nur einen bescheidenen Raum mit vier kleinen Regalen. Was war mit der enormen Menge an gedrucktem Material geschehen, das seit dem 18. Jahrhundert begonnen hatte, die Bibliotheken zu verstopfen? "Wir haben es verbrannt", antwortet ihm der Bibliothekar: 50 000 Tagebücher, 100 000 Bände Lyrik, 800 000 Bände Recht, 1,6 Millionen Reisebücher und eine Milliarde Romane. Eine Kommission tugendhafter Gelehrter las sich durch all das hindurch, schied die Unwahrheiten aus und reduzierte alles auf seine Substanz: ein paar Grundwahrheiten und moralische Vorschriften, die gut in jene vier Regale passten.

          Mercier war ein militanter Anwalt der Aufklärung und glaubte fest an das gedruckte Wort als Träger des Fortschritts. Er war nicht für Bücherverbrennungen. Aber seine Phantasie brachte ein Gefühl zum Ausdruck, das inzwischen zu einer Obsession geworden ist: das Gefühl, von Information überwältigt zu sein und hilflos gegenüber der Aufgabe, verlässliche Auskunft in einem Gebirge von Nebensächlichkeiten zu finden.

          Informationsüberflutung ist nichts Neues. Sie hat die Leser seit dem sechzehnten Jahrhundert bedrückt, wenn nicht schon früher. Doch heute bereitet sie Probleme bei der Gestaltung von Bibliotheken. Sollten sie elektronische Bibliotheken sein, nahezu buchlos und dem Leseraum bei Mercier ähnelnd? Anstelle der paar Regale stünden dann ein paar Computer dort, verbunden mit Suchmaschinen, die aus Millionen von Texten in digitalen Datenbanken sich dasjenige heraussuchen, was sie brauchen. Klingt weit hergeholt? Gibt es aber schon, auch wenn es sich nicht "Bibliothek" nennt, sondern "Google Book Search".

          Zunächst aber möchte ich etwas unterstreichen, was in der Diskussion über Google und andere technische Neuerungen leicht in Vergessenheit gerät, nämlich dass sich die gedruckten Bücher nach wie vor gut halten. Tatsächlich hat die Produktion der normalen altmodischen Bücher während der ersten Dekaden der digitalen Ära langsam, aber stetig zugenommen. 1998 erschienen weltweit 700 000 neue Titel, 859 000 waren es 2003, 976 000 im Jahr 2007. Und trotz der Wirtschaftskrise wird es bald eine Million gedruckter Titel sein, die in jedem Jahr hinzukommt.

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