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: Sex, Lügen, Irrsinn: Die Geschichte der Helene Odilon

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Kennen Sie Helene Odilon? Sind Sie ihr schon einmal begegnet? Vielleicht im Wiener Volkstheater? Dort, im ersten Stock, steht sie in einer Gangflucht: auf einem braunen Podest, in weißen Marmor gemeißelt.

          Kennen Sie Helene Odilon? Sind Sie ihr schon einmal begegnet? Vielleicht im Wiener Volkstheater? Dort, im ersten Stock, steht sie in einer Gangflucht: auf einem braunen Podest, in weißen Marmor gemeißelt. Schmaler Kopf, kurzes Haar, den Blick leicht zur Seite gewandt. Fast könnte man sie für einen Mann halten. Denn irgendein Witzbold hat ihr einen feinen Hauch dunkler Farbe (oder ist es einfach Schmutz?) auf die Oberlippe gerieben. Unter dem wallenden, mit Blumen geschmückten Gewand ist das eng geschnürte Mieder zu sehen.

          Das ist sie, die legendäre Odilon. Geboren 1865 als Helene Petermann in Dresden, Schauspielerin an mehreren deutschen Bühnen, seit 1891 tritt sie in Wien auf. Hier wird sie zum Theaterstar und bald auch zur Skandalfigur. Jahrelang spielt sie am Volkstheater in Wien. Berühmt wird sie als "Madame Dubarry" in der Komödie des amerikanischen Autors David Belasco, einem Stück, das sie 1902 aus Amerika mitbringt. Sie übersetzt es, zahlt die Theaterausstattung aus eigener Tasche und spielt die Hauptrolle. Madame Dubarry, die Mätresse des französischen Königs Ludwig XV., scheint ihr als Figur wie auf den Leib geschnitten. Gastspiele führen sie nach Berlin, 1899 steht sie in London auf der Bühne, 1901 und 1902 feiert sie Triumphe in Amerika.

          Ich gebe zu: Bis vor einem Jahr kannte ich Helene Odilon nicht. Im Volkstheater war mir ihre Büste noch nie aufgefallen. Und die Straße im 14. Wiener Gemeindebezirk, die seit 2007 nach ihr benannt ist, habe ich noch nie betreten. Auf Helene Odilon stieß ich, eher beiläufig, in einer alten illustrierten Zeitung aus dem Jahr 1903. Genauer: ich sah ein Foto von ihr, das mich ungemein faszinierte. Da sitzt die Odilon stolz und vergnügt am Volant eines offenen Automobils. Auf dem Kopf trägt sie nicht etwa eine Lederhaube, sondern einen eleganten, weit ausladenden Hut. Dieses Detail schien auch dem Redakteur des Blattes bemerkenswert: "Nicht die übliche Chauffeusenuniform hüllt ihre Gestalt ein, und sie trägt einen modernen Hut statt der sonst üblichen großen Schirmmütze, unter der sich ihr pikantes Gesicht mit der blondroten Haarfülle sicher reizend ausnimmt." Neben ihr hat ein Mann Platz genommen, der sie vertraut um die Schulter fasst. Und hinter ihr lugt noch ein weiteres Männergesicht hervor, ein Mitreisender, der im Fond Platz genommen hat. Alles in dieser Fotografie dreht sich freilich um die Frau, um Helene Odilon. Am Steuer des Automobils, des modernsten Verkehrsmittels der Jahrhundertwende, spielt die Schauspielerin eine weitere extravagante Rolle, die der souveränen Automobilistin. Im Bildtext heißt es: "Helene Odilon als Chauffeuse: Die beliebte Wiener Schauspielerin bei einer Automobil-Spazierfahrt in der Umgebung von Berlin." Im Beitrag zum Bild erfahre ich, dass es sich bei dem Gefährt um einen blütenweißen "prächtigen Mercedeswagen" handelt. Dass die Odilon in Wien gerade die Dubarry spielt und dass sie vorhat, die Strecke von Berlin nach Wien im Automobil zurückzulegen.

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