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Sentimentanalyse im Netz : Wer nicht hören kann, muss fühlen

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So sieht sie aus, die Individualisierung des Musikkonsums: Stimmungswahl-Oberfläche eines Internetsenders. Bild: Gyarmaty, Jens

Bazinga! Der neueste sozialtechnologische Schrei, aber noch nicht ironiefest: Die Sentimentanalyse ermöglicht eine Sprachanalyse nach neutralem und wertendem Ausdruck.

          5 Min.

          Das Internet ist eine gigantische Meinungsmaschine. Vom neuen Smartphone bis zum neuen Papst - die streitfreudigen Bewohner der sozialen Netzwerke, Blogs und Foren bewerten alles und jeden und machen so das Internet zu einem riesigen Sammelbecken der Meinungen, Stimmungen und Emotionen. Die zu kennen ist für Politiker ebenso spannend wie für Marktforscher und Unternehmen, die ihre Produkte unter das Volk bringen wollen.

          Doch um aus den riesigen Datenmengen schnell und zuverlässig herauszufiltern, was die verschiedenen Netzgemeinden über Peer Steinbrücks jüngste Poltereien, VWs aktuelles Golf-Design oder die Kursschwankungen an der Börse denken, braucht man leistungsfähige Computerprogramme, die Bewertungen, die in den Texten stecken, zuverlässig erkennen, einordnen und gewichten können. Im englischsprachigen Raum werden automatische „Sentimentanalysen“ - auch Stimmungs- oder Tonalitätsanalyse genannt - schon seit etlichen Jahren eingesetzt.

          Im Kern geht es dabei darum, wertende gegenüber neutralen Sätzen zu identifizieren und ihre Urteile auf einer Positiv-Negativ-Skala einzuordnen. In der Praxis lassen Präzision und Analysetiefe vielfach noch zu wünschen übrig, weil auch eine solch schematische Klassifizierung schon ihre Tücken hat. Zwar kann man dem Computer leicht beibringen, das Wort „schön“ als positive Meinungsäußerung zu verbuchen, aber schon für alltägliche Ausdrücke wie „nicht schön“, „schön blöd“ oder „schön wär’s“ braucht er Kontextwissen, um nicht völlig in die Irre zu gehen.

          Hinzu kommt, dass die wertende Ausrichtung vieler Wörter vom Thema abhängt. „Langsam“ ist eigentlich neutral, wird aber zum Schimpfwort, wenn es um Datenverarbeitung geht, „billig“ kann ein preiswertes, aber auch ein mieses Produkt bezeichnen, und der „positive“ Befund einer ärztlichen Untersuchung ist für den Patienten ausgesprochen negativ.

          Interdisziplinäres Interesse

          Ein Interesse an präziseren Analysewerkzeugen haben nicht nur kommerzielle und politische Anwender, sondern auch Sozialwissenschaftler, die wissen wollen, wie Themenkarrieren und Meinungsbildungsprozesse im Internet verlaufen. Unter dem Projekttitel „Analyse von Diskursen in Social Media“ sind Wissenschaftler aus München, Stuttgart, Münster und Potsdam zurzeit dabei, entsprechende Methoden für die Analyse von Facebook, Twitter und Blogs zu entwickeln. Den sprachwissenschaftlichen Part in diesem Verbund übernimmt Manfred Stede, Computerlinguist an der Universität Potsdam. Er arbeitet gemeinsam mit seinem Team an einer Analyse-Software, die sich zunächst an einem Probe-Korpus von über 200 000 Tweets zur Affäre um Christian Wulff bewähren soll.

          Danach werden sich die Sprachwissenschaftler die Facebook- und Blog-Kommunikation vornehmen - Genres, die jeweils ihre sprachlichen Eigenheiten aufweisen. Basis einer Sentimentanalyse ist die Zusammenstellung eines digitalen Wörterbuchs. Es verzeichnet möglichst alle emotional aufgeladenen Ausdrücke, die im betreffenden Themenbereich vorkommen können, zusammen mit ihrer positivien oder negativen Ausrichtung und der Intensität der Bewertung, die sie ausdrücken. Sie festzulegen ist gar nicht einfach: Ist „toll“ positiver als „großartig“? Und wenn, um wie viele Punkte auf der Skala?

          Sarkasmus ist der Maschine fremd

          Um sich bei solchen Fragen nicht nur auf ihr eigenes Sprachgefühl verlassen zu müssen, sondern den allgemeinen Sprachgebrauch einzufangen, lassen Linguisten die Wörterbucheinträge von mehreren Personen parallel klassifizieren, um mögliche Unterschiede im semantischen Verständnis berücksichtigen zu können. Eine Möglichkeit dafür bietet das Crowdsourcing: Die Klassifizierungsaufgabe wird als Auftrag auf einer Web-Plattform „ausgeschrieben“ und von Internetteilnehmern, die sich dafür melden, erledigt. Dieses Vorgehen ist allerdigs in der linguistischen Szene nicht unumstritten, weil die Qualität der Ergebnisse schwankt und die Bezahlung der angeheuerten Bildschirmarbeiter häufig schlecht ist.

          Einfache Sentimentanalyse-Programme beschränken sich darauf, positive und negative Wörter miteinander zu verrechnen, um so das Gesamturteil von Texten zu ermitteln - eine schnelle, aber höchst oberflächliche und darum fehleranfällige Methode. Die Potsdamer Wissenschaftler arbeiten an linguistisch anspruchsvolleren Werkzeugen. Um komplexere Formen der Subjektivität angemessen zu erfassen, müssen nicht nur Wortumgebungen, sondern auch grammatische Effekte zum Beispiel des Konjunktivs oder der Modalverben (sollen, müssen) mit einbezogen werden.

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