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Schwangerenvorsorge : Auf Herz und Nieren geprüft

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Auf dem Weg in die Welt: Viereinhalb Monate alter Fötus Bild: Digital Collections/IPTC

Soll man gezielt nach Fehlbildungen des Fötus suchen, um Spätabbrüche zu vermeiden? Ärzte und Gutachter arbeiten am Umbau der Schwangerenvorsorge.

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          Da haben wir die rechte Hand: eins, zwei, drei, vier Finger - der Daumen ist hinten. Und die linke: eins, zwei, drei, vier, der Daumen hinten. Die Füße: links, rechts, alle Zehen vorhanden. Keine Klumpfüße."

          Still ist es in dem abgedunkelten Raum im Universitätsklinikum einer deutschen Großstadt. Nur die junge Ärztin, die den Ultraschallkopf über den Bauch der schwangeren Patientin bewegt, sagt hin und wieder ein paar Sätze, die klingen, als diktiere sie ein Protokoll. Die Sätze sind in erster Linie für Juliane Haas* bestimmt. Die Siebenundzwanzigjährige ist in der neunzehnten Woche schwanger. Ein bisschen spricht die Gynäkologin auch zu sich selbst - damit sie nichts vergisst. Sie hakt eine Liste ab: Ist das Zwerchfell intakt, die Wirbelsäule auch? Die Nieren beide da? Das Herz gesund? Wie breit ist das Kleinhirn? "Großer Organ-Ultraschall", "Fehlbildungs-Ultraschall" oder "Feindiagnostik" heißt die Untersuchung im Jargon der Geburtsmediziner.

          Juliane Haas hat zweihundert Euro für die Untersuchung im Uniklinikum bezahlt. Der Besuch in einem Pränatalzentrum gehört nicht zu den Standarduntersuchungen in der Schwangerschaft, die durch die "Richtlinien über die ärztliche Versorgung in der Schwangerschaft" festgelegt und von den Kassen übernommen werden. Mediziner kritisieren die Richtlinien seit Jahren. Unlängst verlieh ein Gutachten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln dem Konflikt neue Brisanz: Wenn Schwangere ausschließlich die regulären Ultraschalluntersuchungen beim niedergelassenen Frauenarzt wahrnehmen, wird im Schnitt nur ein Drittel aller Fehlbildungen vorgeburtlich erkannt. In Pränatalzentren auf universitärer Ebene seien es dagegen neunzig Prozent, schreiben die Kölner Experten nach Auswertung verschiedener Studien.

          Ein alarmierendes Ergebnis, denn Ultraschall ist seit dreißig Jahren die Standardmethode in der Schwangerschaftsvorsorge. Dass sie so oft versagt, hat jetzt auch den Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen auf den Plan gerufen. Seine Experten verantworten die auch als "Mutterschaftsrichtlinien" bekannten Vorschriften. "Das gesamte Ultraschallscreening, wie es die Richtlinien vorsehen, ist derzeit in der Beratung", sagt Kristine Reis-Steinert vom Bundesausschuss. "Am Ende des Jahres soll eine neue Fassung stehen."

          Immer wieder wurden die Richtlinien in den vergangenen Jahren in einzelnen Punkten verändert. Doch diesmal geht es um mehr. Das deutsche Mehrstufenkonzept steht grundsätzlich in Frage. Gemeint ist damit die Praxis, die Schwangerschaftsvorsorge in einem ersten Schritt ausschließlich niedergelassenen Frauenärzten anzuvertrauen. Nur bei Auffälligkeiten dürfen die Gynäkologen Schwangere an Pränatalmediziner oder in ein universitäres Pränatalzentrum - die zweite und dritte Stufe - überweisen.

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