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Rechenstörung : Zahlen - nichts als leere Worte

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Bild: dpa

Die Rechenstörung ist ein unterschätztes Leiden. Betroffene können einer Menge keine Zahl zuordnen, keine Uhr ablesen und kein Wechselgeld abzählen.

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          Zähl doch bitte von 80 an in Zehnerschritten aufwärts. Auf diese Aufforderung hin werden Kinder mit einer Rechenstörung die Zahlen 80, 90, 100, 200 und 300 nennen. Aus "zweihundertvierzig" machen sie 20040. Die Höhe des Klassenzimmers schätzen sie auf fünf bis zehn Meter. Das 1×1 lernen sie auswendig ohne bei 4×4 je an vier Stöße mit je vier Kugeln zu denken. Das Addieren meistern sie bis zur Zehn, weil sie die Summe an ihren Fingern abzählen können. Bei größeren Zahlen geraten sie jedoch in Schwierigkeiten, weil ihnen die Hände nicht mehr weiterhelfen. Das Gleiche gilt für das Subtrahieren, Multiplizieren oder Dividieren.

          Kinder und Jugendliche mit einer Rechenstörung oder Dyskalkulie scheitern vor allem an den Grundrechenarten, weniger an den Fertigkeiten, die für Algebra, Geometrie, Trigonometrie, Differential- oder Integralrechnung gebraucht werden. Trotz normaler Intelligenz und ausreichender Beschulung gelingt es ihnen nicht, souverän mit Zahlen umzugehen, eine Vorstellung von einem abstrakten Zahlenraum zu entwickeln, zu schätzen, zu überschlagen und zu vergleichen. Wer unter einer Rechenstörung leidet, hat zudem große Schwierigkeiten mit Mengen-, Zeit- und Temperaturangaben, mit Karten, Tabellen und Prozentwerten. Erwachsene mit Dyskalkulie können keine Preise vergleichen, Abschläge berechnen oder Wechselgeld abzählen. Der Blick auf die Uhr, in die Geldbörse oder auf den Kontostand bringt sie in schwere Kalamitäten.

          Wirtschaftliche Auswirkungen

          Dyskalkulie hat - wie Legasthenie - nichts mit Dummheit oder Faulheit zu tun. Sie ist eine Teilleistungsstörung, die von der Weltgesundheitsorganisation in der Klassifikation "Krankheiten und verwandte Gesundheitsprobleme" geführt wird. Hirnforschung und Genetik bemühen sich seit Jahren darum, die neurobiologischen Ursachen dieser umschriebenen Entwicklungsstörung zu entschlüsseln, während sich viele Schulen und Behörden mit ihrer Anerkennung schwer tun. Dabei sei Dyskalkulie sogar nachteiliger für die Lebenschancen der Betroffenen als eine Legasthenie, berichtet Brian Butterworth von dem University College in London in der Zeitschrift "Science" (Bd. 332, S. 1049). Der Neurowissenschaftler beruft sich auf eine große englische Kohortenstudie, nach der Erwachsene mit Dyskalkulie weniger Geld verdienen und ausgeben, eher krank werden und mit dem Gesetz in Konflikt geraten als Menschen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche.

          Auf 2,4 Milliarden britische Pfund pro Jahr schätzt Butterworth die Kosten, die durch die Dyskalkulie in Großbritannien und Nordirland entstehen. Die Rechenstörung habe, so der Wissenschaftler, auch Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt. Immerhin seien fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung betroffen. In den Vereinigten Staaten würde das Bruttoinlandsprodukt um 0,74 Prozent steigen, wenn es gelänge, die Rechenleistungen derjenigen auf ein Minimum zu heben, die das schwächste Fünftel am Ende der Leistungsskala bilden. Dieser eklatanten Bedeutung der Dyskalkulie für die Leistungsfähigkeit einer Nation stehe die chronische Unterfinanzierung der Forschung gegenüber.

          Dass die Dyskalkulie eine vernachlässigte Lernstörung ist, kann auch Karin Landerl von der Universität Graz bestätigen. Während Legasthenie inzwischen eine weithin anerkannte Teilleistungsstörung sei, könne man das für die Dyskalkulie nicht ohne weiteres sagen. "Bei einer Dyskalkulie wird das Kind schnell als wenig intelligent eingestuft und auf eine Förderschule versetzt, weil es dem Mathematikunterricht wegen seines fehlenden Zahlen- und Mengenverständnisses von Anfang an nicht folgen kann", sagt die Psychologin im Gespräch mit dieser Zeitung. "Das Kind kann sich auch nicht angemessen am Unterricht beteiligen, weil es auch dafür das Zahlen- und Mengenverständnis braucht. Schüler mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche können sich immerhin mündlich profilieren."

          Genetische komponente

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