https://www.faz.net/-1w2-zfto

Rechenstörung : Zahlen - nichts als leere Worte

  • -Aktualisiert am

Dsykalkulie und Legasthenie sind unabhängige und auf unterschiedliche Defizite zurückgehende Teilleistungsstörungen, die allerdings nicht selten zusammen oder im Verbund mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom auftreten. Legastheniker tun sich schwer, den Lauten Buchstaben zuzuordnen. Sie haben in der Regel keine Schwierigkeiten, die Bedeutung eines Wortes zu erfassen. Weil sie aber nicht in der Lage sind, das Wort über die fehlende Zuordnung von Laut und Buchstabe zu dekodieren, können sie ihm auch keine Bedeutung zumessen. Sie sehen sich also einem Text gegenüber, den sie verstehen würden, wenn sie ihn entziffern könnten.

Bei der Dyskalkulie ist die grundlegende numerische Verarbeitung gestört. Eine Zahl wird nicht als Menge betrachtet, sondern als leeres Wort. Kinder haben zwar in der Regel ein angeborenes Mengenverständnis und können sagen, was viel und was wenig ist, bei Menschen mit einer Rechenstörung werden diesen Mengen aber keine konkreten Zahlen zugeordnet. Die Sieben wird nicht als Stellvertreter von sieben Kugeln gesehen, die man auch in eine Menge aus zwei und fünf oder drei und vier Kugeln aufteilen kann. Im Gehirn ist diese Störung laut Brian Butterworth in dem zum Scheitellappen gehörenden Interparietalen Sulcus angesiedelt. Allerdings können bei einer Dyskalkulie auch noch andere Gehirnregionen betroffen sein, etwa der Frontal- oder Schläfenlappen. Welche Faktoren das Auftreten einer Dyskakulie begünstigen, lässt sich bisher kaum sagen. Man kennt nur zwei Risikofaktoren: die gestörte Repräsentation der Finger im Gehirn und die genetische Veranlagung, falls einer der Eltern betroffen ist.

Dass es eine genetische Komponente gebe, zeige sich daran, dass von eineiigen Zwillingen oftmals beide betroffen seien, sagt Landerl. Es gebe aber auch angeborene Behinderungen wie das Turner-Syndrom oder das fragile X-Syndrom, die besonders häufig mit einer Dyskalkulie verbunden seien. Beim Turner-Syndrom fehlt den Mädchen das zweite X-Chromosom, beim Fragilen X-Syndrom ist das X-Chromosom genetisch verändert. Anders als bei der Legasthenie seien aber bisher noch keine Kandidatengene für die Dyskalulie gefunden worden. Bei der gestörten Repräsentation der Finger können diese nicht unterschieden, benannt oder vorgezeigt werden. Da die Finger den Kindern helfen, ein Zahlen- und Mengenverständnis aufzubauen, behindert die fehlende Repräsentation im Gehirn offensichtlich den Erwerb der arithmetischen Kompetenz.

Nachholbedarf bei Förderangeboten

Damit betroffene Kinder dem Mathematikunterricht folgen können, müssen sie frühzeitig gefördert werden. "Die schulischen Angebote reichen in der Regel nicht aus, weil die Lehrerinnen und Lehrer nicht ausreichend qualifiziert sind", sagt Inge Palme von Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. "Die Betroffenen brauchen keine Nachhilfe, sondern eine an ihren subjektiven Lösungs- und Kompensationsstrategien ansetzende Einzeltherapie". Es gehe darum, bei den Kindern ein Mengen- und Zahlenverständnis aufzubauen. Erst danach könne man sich an die Rechenoperationen machen.

Nachholbedarf existiert offensichtlich auch bei der Begutachtung der Förderangebote. Es gebe zwar viele Ratgeber und private Anbieter und die Nachfrage nach außerschulischer Förderung sei groß, sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie, aber es gebe kaum Programme, die bei großen Gruppen evaluiert worden seien und sich dabei als nützlich erwiesen hätten. Es existiere auch keine Ausbildung zum Dyskalkulie-Therapeuten oder eine anerkannte Berufsbezeichnung. Der Bundesverband habe deshalb Standards für die Qualifizierung entwickelt, so Höinghaus. Dabei seien Zugangsvoraussetzungen, Ausbildungs- und Prüfungsinhalte für die Weiterbildung festgelegt worden. Die Ausbildungseinrichtungen können sich nach diesen Standards zertifizieren lassen. Es gehe darum, für Qualität und Transparenz zu sorgen.

Topmeldungen

Paul Ziemiak, Tilman Kuban und Hendrik Wüst beim „Deutschlandtag“ der Jungen Union am 16. Oktober in Münster

Imagewandel der Jungen Union : Konservative in Sneakern

Die Junge Union ist auf der Suche nach einer neuen Außendarstellung. Manche ihrer Mitglieder wollen die Rhetorik abrüsten und den Kleidungsstil ändern. Aber wofür stehen die Jungkonservativen?
Joshua Kimmich wollte sich bislang noch nicht impfen lassen.

Corona-Impfung im Profifußball : Kimmich und der Preis der Freiheit

Joshua Kimmich wollte sich bisher nicht gegen Corona impfen lassen. Für Kritik daran gibt es gute Gründe. Und der Imageschaden für Kimmich wird deutlich größer sein als jeder mögliche Impfschaden, der ihm droht.