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PID : Sollen die Embryonen zum Massenscreening?

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Entnahme von Zellen zur Präimplantationsdiagnostik Bild: dpa

Der Einsatz der Präimplantationsdiagnostik (PID) steht vor einer neuen gesetzlichen Regelung. Grund genug sich anzusehen, wie sie in anderen Ländern gehandhabt wird. Zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, wo die PID wenig reglementiert ist.

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          Das Urteil des Bundesgerichtshofes zur Präimplantationsdiagnostik vom Juli dieses Jahres wird absehbar eine Gesetzesänderung zur Folge haben. Es geht darum, im Gesetz festzuschreiben, ob ein im Labor erzeugter Embryo auf genetische Defekte untersucht werden darf, bevor er in die Gebärmutter eingepflanzt wird. Die Bundeskanzlerin hat selbst Stellung bezogen, die Bundesärztekammer hat soeben erneut die schon vor Jahren ausgesprochene Ablehnung der Ärzteschaft bekräftigt. Da in vielen anderen Ländern die PID bereits gängige Praxis ist, verschafft dies in der aktuellen Debatte den Vorteil, besser beurteilen zu können, wohin es führen könnte, wenn die Diagnostik breiter angeboten würde.

          Die wichtigste Frage lautet oft: Bleibt der medizinische Einsatz der PID die Ausnahme? Einigen wenigen Paaren, die wegen einer erblichen Belastung ein hohes Risiko eingehen, ein lebenslang schwerkrankes Kind zu zeugen, soll auf Wunsch die Möglichkeit gewährt werden, aus mehreren gezeugten Embryonen einen gesunden auszuwählen. In den Vereinigten Staaten, wo die PID schon länger und wenig reglementiert ist, hat sich durchaus eine Eigendynamik entwickelt. Medizin-Experten und Ökonomen bereiten sich dort durchaus auf eine Art kollektive Testung künstlich gezeugter Embryonen vor. Die Gefahr ist: Will ein genetisch belastetes Paar die Embryonen nicht testen lassen, entzieht es sich der möglicherweise neuen Norm und wird seinerseits zur Ausnahme, zum Außenseiter.

          Zur Diagnose von Mukoviszidose

          Der erste Schritt hin zu einer solchen Praxis ist längst getan. Ilan Tur-Kaspa rechnete soeben in der Zeitschrift "Reproductive BioMedicine Online" vor, dass sich die flächendeckende Anwendung der PID bei Paaren, die aufgrund einer genetischen Veranlagung für die Krankheit Mukoviszidose betroffene Kinder zeugen könnten, schon in wenigen Jahren finanziell lohnen würde (doi: 10.1016/j.rbmo.2010. 04.031). Tur-Kaspa ist Direktor am Reproductive Genetics Institute in Chicago. Kaum eine einzelne Einrichtung hat weltweit mehr Erfahrung mit PID, gerade auch, was die Gendiagnose einer Mukoviszidose angeht. Es handelt sich um eine schwerwiegende, chronische Erkrankung, bei der vor allem die Lunge betroffen ist, weil aufgrund eines einzigen Gendefekts auf Chromosom 7 die Bronchien nur sehr zähen Schleim produzieren, der die Atmung massiv beeinträchtigt. Mukoviszidose-Kranke benötigen ständige Therapie und müssen mit einer deutlich verkürzten Lebenserwartung rechnen.

          So funktioniert die Präimplantationsdiagnostik

          In Deutschland werden jährlich etwa dreihundert von Mukoviszidose betroffene Kinder geboren, in den Vereinigten Staaten sind es rund tausend. Die Zahl betroffener Feten, die infolge pränataler Diagnostik abgetrieben werden, ist nicht genau bekannt. Die jährlichen Behandlungskosten für rund tausend Betroffene belaufen sich auf etwa 45 Millionen Euro. Ein Kind erkrankt nur dann, wenn es von beiden Eltern je ein defektes Gen erbt. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen, die selbst nicht krank sind, aber das krankmachende Allel weitergeben könnten, ein krankes Kind zeugen, beträgt ein Viertel. Viele Menschen sind Genträger, ohne selbst zu erkranken. Damit die Geburt tausend kranker Kinder vermieden würde, müssten mithin viertausend Paare ihre Embryonen testen lassen. Rechnet man dies gegeneinander auf, so sei innerhalb von acht Jahren, ökonomisch betrachtet, ein Wendepunkt erreicht, dann habe sich die Selektion der Embryonen amortisiert, schreibt Tur-Kaspa. Es handele sich um eine moderne Variante echter Präventivmedizin, ähnlich wie Impfungen, die Infektionskrankheiten verhinderten.

          Überdurchschnittliche Zahl von Fehlbildungen

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