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Peer Reviews : Freibrief zum Missbrauch oder Schutzschild?

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Vorreiter in der Debatte um mehr Transparenz im Begutachtungsverfahren: Titelseite einer Printausgabe des „British Medical Journal” Bild: BMJ

Sollen Gutachter mit ihrem Namen öffentlich für ihre Urteile einstehen, oder wäre solche Transparenz auf breiter Front fatal für die Qualitätssicherung von Fachpublikationen? Mediziner debattieren über die Anonymität wissenschaftlicher Begutachtung.

          Die Medizin ist eine Zeitschriftenwissenschaft. Hier erwirbt man sich nicht über das Schreiben von Monographien Reputation, sondern durch Veröffentlichung von wissenschaftlichen Arbeiten in Journalen; beispielsweise von Studien über die Wirkung von Medikamenten oder über neue Behandlungsverfahren. Allein die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin in Köln hat 8000 medizinische Zeitschriften abonniert.

          Das Nadelöhr, durch das eine Veröffentlichung in einer medizinischen Qualitätszeitschrift hindurch muss, heißt Peer Review. So nennt sich die Begutachtung einer zur Publikation bei einer Zeitschrift eingereichten Arbeit, die in der Regel zwei Experten aus demselben Fachgebiet vornehmen. Sie filtert einerseits, da die Empfehlung der Gutachter das Schicksal der Arbeit besiegelt. Andererseits dient sie der Qualitätsverbesserung, nämlich dann, wenn die Arbeit zwar prinzipiell von einer Fachzeitschrift akzeptiert wird, jedoch vor dem Abdruck Mängel behoben werden müssen, auf die Gutachter gestoßen sind. Generell gelten Publikationen in einem begutachtenden Journal als höherwertig bei einer Bewerbung oder im Habilitationsverfahren. Alle anderen Zeitschriften sind gleichsam das Auffangbecken für Arbeiten, die man dort nicht unterbringen konnte.

          Traditionell bleiben solche Peer Reviews anonym. Weder der Begutachtete noch jemand anderes weiß, wer dafür verantwortlich war, wenn einer Arbeit der Passierschein verweigert wurde. Das renommierte "British Medical Journal" (BMJ) macht sich jetzt in einer von ihm angeregten Debatte für mehr Transparenz im Reviewprozess stark. Diese Fachzeitschrift ist nicht nur das offizielle Organ der britischen Ärzte. Es zählt neben dem amerikanischen Pendant, dem "Journal of the American Medical Association" (JAMA), dem ebenfalls amerikanischen "New England Journal of Medicine" (NEJM) und dem britischen "Lancet" zu den ersten Adressen der medizinischen Zeitschriftenlandschaft. Seit zehn Jahren praktizieren die Herausgeber der BMJ schon, was sich sonst kaum jemand in der Branche getraut: Sie nennen seit 1999 zumindest demjenigen Wissenschaftler, dessen Arbeit unter die Lupe genommen wurde, die Namen der Gutachter. Jetzt möchten die Herausgeber einen Schritt weiter gehen und die Namen der Gutachter auf der Internetseite ihrer Zeitschrift zusammen mit dem gesamten Peer Review veröffentlichen, so dass jeder Leser den Entscheidungsprozess nachvollziehen kann (Bd. 341, S.c5729, c6424 und c6425).

          Geheimgehaltenes geht schneller

          Solche Vorstöße sind letztlich nicht neu, denn die Geheimhaltung der Gutachter und Gutachten schürt seit jeher Argwohn - naturgemäß zuallererst unter denen, die eine Absage erhielten. Immer wieder tauchen Klagen auf, dass Arbeiten nicht ihrer mangelnden Qualität wegen abgelehnt würden, sondern weil ein Gutachter unliebsame Konkurrenz am Erscheinen in hochrangigen Zeitschriften hindern wollte. Auch Ideenklau zählt zu den Vorwürfen über das durch Anonymität abgeschirmte Gutachterwesen. Das ist allein deshalb nicht unplausibel, weil Gutachter aus dem gleichen wissenschaftlichen Forschungsbereich gewählt werden müssen, in dem auch derjenige arbeitet, der seine Arbeit publizieren will. Denn nur so haben sie genügend Sachverstand, um Originalität und methodische Sorgfalt beurteilen zu können.

          Kritisiert wird auch die mitunter mangelnde Objektivität des Reviewprozesses. So konnte eine Untersuchung des "Journal of General Internal Medicine" zeigen, dass die Reviewer in ihren Empfehlungen eigentlich so wenig übereinstimmen, dass dies das Vertrauen der Herausgeber kaum rechtfertigt (PLoS One 5 [2010], e13345).

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