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Meeresforschung : Das alte Meer und der Müll

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Aussicht auf's Meer: Gegen den Müll reichen Buhnenpfähle, wie hier am Strand von Glowe, natürlich nicht. Bild: dapd

Riesige Strudel mit Plastikabfällen und beunruhigende Befunde über zerkleinerte Kunststoffteile in Tieren: Die Sorge um die marinen Müllkippen im Pazifik und im südwestlichen Atlantik wachsen.

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          Von der Wiege des Lebens zur Müllkippe der Industrienationen - so kann man die Geschichte der Ozeane heute schreiben. Neben den Zeugnissen der Entstehung des Lebens auf unserem Planeten und längst vergangener Kulturen, hinterlässt der moderne Mensch in den Meeren zusätzlich zur Überfischung eine weitere verheerende Spur im Meer: Müll.

          Ein Müllstrudel von der Größe Mitteleuropas dreht sich im Nord-Pazifik, ein weiterer im Südwest-Atlantik. Die Tiere des Ozeans verenden an unserem toxischen Plastikmüll, der über die Nahrungskette bis in unseren Körper zurück gelangt.

          "Auch wenn wir nicht wissen, was und wieviel alles in das Meer eingebracht wird, keiner holt es wieder heraus", sagt der Frankfurter Meeresbiologe Michael Tuerkay vom Senkenberg-Institut das Dilemma im Umgang mit dem Meer. "Dort wird das Material höchstens umgesetzt und verschwindet optisch - frei nach dem Motto aus den Augen aus dem Sinn - aus unserem Blickfeld. Besonders deutlich wird die Müllbelastung in begrenzten Meeren mit hohem Schifffahrtsaufkommen, wie etwa dem Mittelmeer."

          Zehn Prozent der Kunststoffproduktion enden im Meer

          Die größte Ansammlung von Müll im Meer, findet sich derzeit im nördlichen Pazifik. Von den Meeresströmungen zusammengetragen, dreht sich dort ein Müllteppich von der Größe Mitteleuropas im Uhrzeigersinn - der Pazifische Müllstrudel.

          "Von Kunststoff- und Holzpaletten, Quietscheentchen, Flaschenverschlüssen, Einwegfeuerzeugen, Fernsehern, Zahnbürsten, Plastikflaschen und -tüten bis hin zu ganzen Transportcontainern, die über Bord eines Schiffes gingen, findet sich hier Müll jeder Herkunft und jeder Größenordnung", beschreibt der Meeresbiologe Thilo Maack von Greenpeace Deutschland die Zustände im Pazifischen Müllstrudel, den er 2006 an Bord des Forschungsschiff Esperanza untersuchte. "Ein gespenstischer Ort fernab jeder Zivilisation - angefüllt vom Müll der Zivilisation."

          Die Abfälle unseres Lebensstils werden allerorten zu einem immer größeren Problem. Aber nicht nur die Unmengen chemischer und radioaktiver Gift- und Kampfstoffe, Kriegswaffen und Wohlstandsmüll, die unter der verharmlosenden Bezeichnung Verklappung in die Weltmeere eingeleitet werden, machen ihnen und ihren Bewohnern sukzessive den Garaus. Als besonders problematisch erweisen sich die Reste des wohl wichtigsten Industrieprodukts des neunzehnten Jahrhunderts: Kunststoff. Abermilliarden Tonnen des auf natürlichem Weg nicht abbaubaren Materials schwappen durch alle Weltmeere, reichern sich an deren Böden und in den Mägen der Meerestiere an, die daran jämmerlich zugrunde gehen.

          Plastikmüll im Tiefseebecken

          Rund 250 Millionen Tonnen Kunststoff werden weltweit pro Jahr produziert. "Gut 10 Prozent der davon landen im Meer und stellen rund 70 Prozent seines Mülls", so Tuerkay. "Ist Müll im Meer auch kein neues Problem, so hat aber gerade die Menge des Plastikmülls eine dramatische Dimension erreicht", berichtet Maack. Im Gegensatz zu "normalem" Müll, wie etwa Lebensmittelresten und Holz, unterliegen die Kunststoffteile keinem natürlichen Recycling und werden weder abgebaut noch verrotten sie. Allenfalls die Wellenenergie und die UV-Strahlung der Sonne sind in der Lage die Plastikteile auf natürlichem Wege zu zerkleine

          Die Krux am Zerkleinerungsprozess ist, dass dabei die Anzahl und Oberfläche der Partikel sukzessive ansteigt. Eine Auswirkungen des Zerkleinerungsprozesses lässt sich etwa beim Spaziergang am Meer in Augenschein nehmen. Tausende Plastikstücke liegen im Spülsaum der Wellen. Aber auch der Boden einiger Tiefseebecken ist heute schon übersät mit Plastikmüll.

          Aber die Menge des Mülls am Strand ist nur eine Seite. Die andere ist, dass die Plastikstücke nach der Zerkleinerung klein genug sind, um etwa von Fischen, Meeressäugetieren,Vögeln, Muscheln mit - oder anstelle von - der Nahrung aufgenommen zu werden. Im Magen-Darm-Trakt der Organismen reichern sich die Plastikstücke an und können nicht mehr ausgeschieden werden. Sie verstopfen den Verdauungstrakt der Tiere. "Den Magen voller Plastikstücke können die Tiere keine richtige Nahrung mehr aufnehmen und verhungern mit vollem Magen", sagt Maack.

          Der Weg des Plastiks

          Doch damit nicht genug. Hinzu kommt, dass sich wasserunlösliche, toxische Substanzen wie DDT oder Polychlorierte Biphyenyle an den Oberflächen der Plastikteile bevorzugt anlagern und sie zusammen mit den toxischen Inhaltsstoffen des Plastiks, etwa den östrogenartig wirkenden Weichmachern, zu hochgiftigen Schwebstoffen im Meer werden lassen, deren Menge sich über die Nahrungskette anreichert. "Die Partikel saugen die Gifte auf, wie Schwämme das Wasser", so Maack. Selbst in den Mägen des mikroskopisch kleinen Planktons, das am Anfang der marinen Nahrungskette steht, fanden Meeresbiologen Gift und Plastikmüll, die auf dem Umweg der marinen Nahrungskette auch schließlich wieder zu uns zurückkommen.

          Doch auch damit noch nicht genug. Die Ökotoxikologin Angela Köhler vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven befasst sich mit der Aufnahme und dem Transport von Schad- und Giftstoffen mit Plastikfragmenten im Mikro- und Nanometerbereich bei Meerestieren. Die Ergebnisse ihrer Forschung sind alarmierend, denn je kleiner die Partikel sind, desto aggressiver wirken sie auch im mikroskopischen und molekularen Bereich. Anhand von Versuchen mit Muscheln konnten die Forscher nachweisen, dass die Plastikpartikel problemlos Zellschranken überwinden und in die Körperzellen eindringen.

          Plastikpartikel in Nanogröße

          "Ähnlich wie Nanopartikel in der Medizin als Trägerstoffe für Arzneimittel fungieren, können Plastikpartikel in Nano-Größe als Trägerstoffe für Gifte in die Körperzellen dienen", so Köhler. Bleiben größere Partikel im Darm hängen, so dringen die Nanoplastikpartikel bis in die Zellen des Körpers von Tieren ein und transportieren als Trägerstoff Gifte direkt zum Zellkern. Inwieweit Plastik etwa auch die Blut-Hirn Schranke oder die Plazenta-Schranke zwischen Fötus und Uterus überwindet und inwieweit auch der Mensch von diesen Prozessen betroffen ist, ist bisher noch völlig ungeklärt. "Je weiter wir in die Materie einsteigen, desto mehr sehen wir, wie wenig wir noch über den Weg des Plastiks in der Umwelt und bis in unseren eigenen Körper hinein wissen", sagt die Bremerhavener Wissenschaftlerin. "Die Forschung hat gerade einmal das Problem erkannt."

          Liegt die Lösung in der Entwicklung neuer Kunststoffe oder der Vermeidung von Müll? Beides fordern Umweltverbände und Wissenschaft unisono; "Wir müssen dringend die Verwendung von Plastik überdenken, und uns auf geschlossene Recycling-Kreisläufe verständigen." Kompostierbare Kunststoffe und andere Biowerkstoffe sind auch heute schon auf dem Markt, besitzen aber bisher nur eine geringe Akzeptanz und einen Marktanteil von weniger als einem Prozent. Aber auch jeder Einzelne kann etwas tun. Maack: "Das Umweltbewusstsein in Deutschland ist im internationalen Vergleich schon sehr ausgeprägt, jeder von uns kann aber auch konkret helfen, Plastikmüll weiter zu vermeiden."

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