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Meeresforschung : Das alte Meer und der Müll

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Aber die Menge des Mülls am Strand ist nur eine Seite. Die andere ist, dass die Plastikstücke nach der Zerkleinerung klein genug sind, um etwa von Fischen, Meeressäugetieren,Vögeln, Muscheln mit - oder anstelle von - der Nahrung aufgenommen zu werden. Im Magen-Darm-Trakt der Organismen reichern sich die Plastikstücke an und können nicht mehr ausgeschieden werden. Sie verstopfen den Verdauungstrakt der Tiere. "Den Magen voller Plastikstücke können die Tiere keine richtige Nahrung mehr aufnehmen und verhungern mit vollem Magen", sagt Maack.

Der Weg des Plastiks

Doch damit nicht genug. Hinzu kommt, dass sich wasserunlösliche, toxische Substanzen wie DDT oder Polychlorierte Biphyenyle an den Oberflächen der Plastikteile bevorzugt anlagern und sie zusammen mit den toxischen Inhaltsstoffen des Plastiks, etwa den östrogenartig wirkenden Weichmachern, zu hochgiftigen Schwebstoffen im Meer werden lassen, deren Menge sich über die Nahrungskette anreichert. "Die Partikel saugen die Gifte auf, wie Schwämme das Wasser", so Maack. Selbst in den Mägen des mikroskopisch kleinen Planktons, das am Anfang der marinen Nahrungskette steht, fanden Meeresbiologen Gift und Plastikmüll, die auf dem Umweg der marinen Nahrungskette auch schließlich wieder zu uns zurückkommen.

Doch auch damit noch nicht genug. Die Ökotoxikologin Angela Köhler vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven befasst sich mit der Aufnahme und dem Transport von Schad- und Giftstoffen mit Plastikfragmenten im Mikro- und Nanometerbereich bei Meerestieren. Die Ergebnisse ihrer Forschung sind alarmierend, denn je kleiner die Partikel sind, desto aggressiver wirken sie auch im mikroskopischen und molekularen Bereich. Anhand von Versuchen mit Muscheln konnten die Forscher nachweisen, dass die Plastikpartikel problemlos Zellschranken überwinden und in die Körperzellen eindringen.

Plastikpartikel in Nanogröße

"Ähnlich wie Nanopartikel in der Medizin als Trägerstoffe für Arzneimittel fungieren, können Plastikpartikel in Nano-Größe als Trägerstoffe für Gifte in die Körperzellen dienen", so Köhler. Bleiben größere Partikel im Darm hängen, so dringen die Nanoplastikpartikel bis in die Zellen des Körpers von Tieren ein und transportieren als Trägerstoff Gifte direkt zum Zellkern. Inwieweit Plastik etwa auch die Blut-Hirn Schranke oder die Plazenta-Schranke zwischen Fötus und Uterus überwindet und inwieweit auch der Mensch von diesen Prozessen betroffen ist, ist bisher noch völlig ungeklärt. "Je weiter wir in die Materie einsteigen, desto mehr sehen wir, wie wenig wir noch über den Weg des Plastiks in der Umwelt und bis in unseren eigenen Körper hinein wissen", sagt die Bremerhavener Wissenschaftlerin. "Die Forschung hat gerade einmal das Problem erkannt."

Liegt die Lösung in der Entwicklung neuer Kunststoffe oder der Vermeidung von Müll? Beides fordern Umweltverbände und Wissenschaft unisono; "Wir müssen dringend die Verwendung von Plastik überdenken, und uns auf geschlossene Recycling-Kreisläufe verständigen." Kompostierbare Kunststoffe und andere Biowerkstoffe sind auch heute schon auf dem Markt, besitzen aber bisher nur eine geringe Akzeptanz und einen Marktanteil von weniger als einem Prozent. Aber auch jeder Einzelne kann etwas tun. Maack: "Das Umweltbewusstsein in Deutschland ist im internationalen Vergleich schon sehr ausgeprägt, jeder von uns kann aber auch konkret helfen, Plastikmüll weiter zu vermeiden."

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