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Makuladegeneration : Der Arzneikrieg - "wohlwollend geduldet"

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Bild eines normalen Augenhintergrunds, links die Einmündung des Sehnerves
          5 Min.

          "Es ist ja für einen guten Zweck", sagt Michaela Gottfried. Die Sprecherin des Verbands der Ersatzkassen bestätigt, dass ihre Kasse sich zum ersten Mal an einer Studie beteiligen wird. Auch die Techniker Krankenkasse ist dabei, andere Kassen überlegen den Einstieg. Der Arzneimitteltest heißt "Vibera" und soll endgültig klären, welches von zwei Medikamenten besser gegen die feuchte Makuladegeneration (AMD) hilft. 4,5 Millionen Deutsche sind von der heimtückischen Augenerkrankung betroffen, sie ist die häufigste Ursache für Blindheit im Alter.

          Mit der Förderung der Vibera-Studie ist ein neuer Höhepunkt im jahrelangen Streit zwischen den Krankenkassen in Deutschland und den Pharmaherstellern Roche und Novartis erreicht. Die Finanzierung einer Arzneimittelstudie durch Krankenkassen wäre ein absolutes Novum, erlaubt der Gesetzgeber eigentlich nicht einmal deren Beteiligung an Modellprojekten. Beitrittsgelder von Versicherten sollen nicht in die Forschung fließen, da dies zur Kernaufgabe der Pharmaindustrie gehört.

          Vergleich auf eigene Faust

          Doch genau das sieht der Pharmakonzern Roche im konkreten Fall anders. Sein Krebsmittel Avastin wird bereits seit 2005 trotz fehlender Zulassung weltweit in der Behandlung der Altersblindheit verwendet. Roche will die Studie nicht organisieren. Laut einem Unternehmenssprecher, weil man keinerlei Expertise auf dem Gebiet der Augenerkrankungen habe. Kritiker vermuten eher, dass sich hier zwei Unternehmen nicht gegenseitig das Geschäft verderben wollen: Im Frühjahr 2007 hat Novartis ein neues und zugelassenes AMD-Medikament in Deutschland auf dem Markt gebracht. Es heißt Lucentis, wirkt nach dem gleichen Prinzip wie Avastin. Eine Injektion des Präparats ist aber rund dreißigmal so teuer wie eine Spritze Avastin. Echte Konkurrenz zwischen den Herstellern gibt es nicht, Novartis hält dreißig Prozent der stimmberechtigten Aktien an Roche.

          Schon bei ihrem Start vor zwei Jahren sorgte Vibera für Aufregung: Weil Roche nicht wollte, hatte Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte, auf eigene Initiative den Vergleich zwischen Avastin und Lucentis begonnen, "gegen den erklärten Willen des Herstellers". Das hatte es in dieser Form in Deutschland noch nicht gegeben. Das mögliche Ergebnis war von Beginn an gesundheitspolitisch äußerst brisant: Sollte die Studie zeigen, dass Avastin genauso gut wirkt wie Lucentis, würde das den Weg für die Zulassung als AMD-Mittel frei machen. Das würde den Krankenkassen Milliardenkosten sparen und den Pharmaherstellern das gute Geschäft vermasseln.

          Bei der altersbedingten Makuladegeneration bilden sich kleine Blutgefäße hinter der Netzhaut, was zum Absterben von Sehzellen führt. Betroffen ist der Sehsinn in der Mitte des Gesichtsfelds, die Makula. Lesen, Gesichter erkennen oder fernsehen wird immer weiter eingeschränkt. Im Jahr 2005 kam der amerikanische Augenarzt Philip Rosenfeld auf die Idee, seinen Patienten Avastin ins Auge zu spritzen, obwohl es ein Krebsmedikament ist. Die Therapie zeigte Wirkung, denn der enthaltene Antikörper blockiert VEGF-Signalmoleküle, die das Gefäßwachstum anregen. So unterbindet Avastin die Blutversorgung von Tumoren, im Auge bremst es das unkontrollierte Wachsen der Gefäße in der Netzhaut.

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