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Innovative Pflege : Wenn Demenz die Hauptrolle spielt

Demenzkranke spielen in einem Seniorentreff „Mensch ärgere Dich nicht” Bild: Frank Röth

Innovative Ideen sind in der Pflege von Demenzkranken gefragt wie nie. Bislang ist der Markt aber noch wenig erschlossen. Eine kleine Firma hat jetzt die Lücke entdeckt und entwickelt Filme, die die Patienten zum Lachen und Kommunizieren anregen.

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          „Die Polizei bittet um Ihre Mithilfe. Seit gestern morgen wird der 87-jährige Hans K. aus Essen vermisst. Er trägt einen Schlafanzug und kann sich nicht orientieren.“ Herr K. leidet unter Demenz, und so viel Aufmerksamkeit wie durch eine solche Radiodurchsage, platziert zwischen den Nachrichten und der Wettervorhersage, bekommt er sonst selten von der Öffentlichkeit.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Deutschland leben 1, 3 Millionen Demenzkranke, und ihre Zahl wird in den kommenden Jahren immens ansteigen: Bis auf zwei Millionen im Jahr 2030 und auf 2,6 Millionen bis zum Jahr 2050, heißt es im Demenzreport 2011 des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Jede zweite Frau und jeder dritte Mann können in Laufe des Lebens von der chronisch fortschreitenden Krankheit betroffen werden.

          Pflege hinter geschlossenen Türen

          Trotz dieser Zahlen und den damit verbundenen gesamtgesellschaftlichen Folgen ist Demenz häufig immer noch ein Tabuthema. Alte Mitmenschen werden eher als „tüttelig“ oder „vergesslich“ betitelt und hinter verschlossenen Wohnungstüren von Angehörigen gepflegt, als dass öffentlich um Unterstützung gebeten wird.

          Ein Mensch wie Herr K. in der Fußgängerzone führt zu Berührungsängsten, Verwunderung, Hilflosigkeit oder einem Lacher statt zu Hilfsbereitschaft und Verständnis. Dabei sollte sich die Gesellschaft an einen solchen Anblick gewöhnen und lernen, mit der Erkrankung umzugehen. „Unwissen macht unsicher. Um richtig und sicher Demenzerkranken zu begegnen, bedarf es gesellschaftlicher Aufklärung“, sagt Sophie Rosentreter, die neun Jahre lang ihre demente Großmutter gepflegt hat. In mehr als sechzig Prozent der Fälle werden Erkrankte von Angehörigen zu Hause gepflegt.

          Mehr als füttern, waschen und anziehen

          Diese Zahl wird sich allerdings ebenfalls aufgrund von sich wandelnden Gesellschafts- und Familienstrukturen in den kommenden Jahren drastisch ändern. „Von 2030 an werden die familiären Ressourcen zur Unterstützung von hochbetagten Familiemitgliedern erkennbar zurückgehen“, sagt Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg. „Die Pflege wird deutlich teurer werden und sich in zunehmendem Maße auf die Bedürfnisse demenzkranker Menschen einstellen müssen“.

          Dabei bedeutet Pflege von Demenzkranken mehr als füttern, waschen und anziehen. Die mit der Erkrankung verbundenen Persönlichkeitsveränderungen fordern außerordentliches Feingefühl und Geduld von der pflegenden Person und sind oftmals für zwischenmenschliche Beziehungen extrem belastend.

          Hoffen auf ein Wundermittel

          Um den zukünftigen Pflegeaufwand bewältigen zu können, ist eine Pflegereform von Seiten der Politik die eine Sache. Kruse fordert auf der anderen Seite ein Mit- und Umdenken der ganzen Gesellschaft. „Es muss eine Mischung aus familiärer, professioneller und bürgerschaftlicher Pflege entstehen. Mitverantwortung ist von allen zu leisten.“ Sollen die Menschen zu diesem Umdenken bewogen werden, müssten in erster Linie die richtigen Fragen gestellt werden, meint Sophie Rosentreter. „Wenn man über Demenz spricht, stehen oft die medizinische Betrachtung und die Hoffnung, doch bald ein Wundermittel gegen diese langsam fortschreitende Krankheit zu finden, im Vordergrund.“ Doch es besteht wenig Hoffnung, dass die Forschung in absehbarer Zeit fundierte Erfolge präsentiert. Aus diesem Grund ist, für die ehemalige Fernsehjournalistin viel wichtiger, die Frage zu beantworten, wie man Demenzkranke beschäftigen kann, dass sie möglichst viel Zufriedenheit und Glück erfahren.

          Sie selbst hat eine Antwort auf diese Frage gefunden und im vergangenen Jahr das Unternehmen „Ilses weite Welt“ gegründete. Die kleine Firma entwickelt Filme für Demenzkranke und hat damit offenkundig eine Marktlücke entdeckt. Warum einen alltäglichen Gegenstand wie den Fernseher, der in jedem Haushalt vorhanden ist und oftmals ohnehin schon als Parkposition für alte Menschen dient, nicht sinnvoll nutzen, dachte sie sich. Ihre Filme, deren Drehbücher, sie selbst schreibt, sind für den gesunden Fernsehzuschauer langweilig. Statt fetziger Dialoge, schneller Schnitte oder ergreifender Handlungen dominieren lange Kameraeinstellungen, wenig Ton und alltägliche Szenen den Inhalt der Filme. Demenzkranke aber bekommen so immer wieder die Chance, in die Handlung einzusteigen und von Farben, Tönen und Bildern, auf sensorischer Ebene erreicht zu werden.

          Die Filme bringen Demenzkranke zum Lächeln

          Der erste produzierte Film heißt „Ein Tag im Tierpark“. Darin sind zu sehen Kinder, die durch ein Wildgehege schlendern und Hängebauchschweine Rehe oder Ziegen streicheln. Rosentreters Idee scheint zu funktionieren. Demenzkranke beginnen, während sie den Film schauen, zu kommunizieren, auf den Bildschirm zu zeigen, zu lächeln, oder sie versuchen sogar, das Rehkitz im Fernsehen zu streicheln. „Zwar verstehen die demenzkranken Fernsehzuschauer oft nicht, dass es sich um eine Filmvorführung handelt und was sie sich gegenseitig sagen, aber sie wollen sich mitteilen, werden aktiviert und in ihrer Welt erreicht. Das führt bei ihnen zu positiven Emotionen, und das ist das wichtigste Ziel“, erklärt Rosentreter.

          Kruse hält Filme für Demenzkranke ebenfalls für eine ausgesprochen positive Idee. „Ohne dass ich mir die Filme explizit angeschaut habe, kann ich es nur begrüßen, Demenzkranke sensorisch und kognitiv zu stimulieren.“ Er selbst habe an seinem Institut Studien durchgeführt, in denen Menschen mit weit fortgeschrittener Demenz auch mit Tönen und Farben stimuliert wurden, und daraufhin bei einigen Patienten eine aktuelle Verbesserung der emotionalen Situation erfasst werden konnte. „Insgesamt scheinen mir alltagspraktische Stimulationen und damit prinzipiell auch Filme eine bedeutsame Form der aktivierenden rehabilitativen Betreuung und Begleitung von Demenzkranken zu sein“, sagt der Gerontopsychologe.

          Die Wirkung der Filme soll erforscht werden

          Was die wissenschaftliche Untermauerung des Konzeptes von Rosentreter betrifft, will die Universität Lüneburg von Januar 2012 an ein Forschungsprojekt einrichten. Dort sollen Rosentreters Beobachtungen und Erfahrungen untersucht, belegt und weiterentwickelt werden. „Die erste Krankenkasse hat auch schon Interesse an den Filmen gezeigt“, erzählt Rosentreter. „Es ist Zusammenarbeit mit Ilses weiter Welt ein Filmprojekt für deren Mitglieder geplant“.

          Dass Krankenkassen irgendwann einmal die Kosten für die Filme übernehmen und Filmvorführungen flächendeckend zum Standard in Pflege- und Altersheimen gehören, sind die großen Wünsche von Rosentreter. „An Ideen für Filmmaterial und Interesse aus dem In- und Ausland mangelt es jedenfalls nicht“, fügt sie an. Über tausend verkaufte DVDs seit November des vergangenen Jahres, den Karma-Konsum-Sonderpreis für soziale Innovation und die Nominierung für den Deutschen Engagementpreis 2011 geben ihr recht.

          Der Markt für „Demenzprodukte“ ist noch wenig erschlossen

          Unabhängig davon, wie erfolgreich Rosentreters Konzept sich in der Demenzpflege erweisen wird, „die Existenz dieses Projekts zeigt vor allem, dass Innovationen, Engagement und Ideen in der Pflege ausgesprochen wichtig sind“, sagt Clemens Tesch-Römer, Institutsleiter vom Deutschen Zentrum für Altersfragen. „Solche Entwicklungen stimmen mich zuversichtlich.“ Denn der Markt für „Demenzprodukte“ ist noch wenig erschlossen. Er bietet Platz für einen neuen Wirtschaftszweig, mit dem in Zukunft wahrscheinlich viel Geld zu verdienen sein wird. Dieser Platz muss genutzt werden, um die auf uns zurollende Demenzlawine in den Griff zu bekommen. „Dabei darf in keinem Fall vergessen werden, dass es vor allem um eine würdevolle Betreuung Demenzkranker geht und man sich Zeit nehmen muss, deren Welt zu verstehen“, sagt Rosentreter.

          Die Angst davor, die eigene Würde zu verlieren, ist wahrhaftig immer wieder ein zentrales Thema für Betroffenen. Grund dafür ist vermutlich, dass Demenz unsere Leistungs- und Wissensgesellschaft an ihrem empfindlichsten Punkt trifft. Wer nicht mehr sinnreich kommunizieren und keine klaren Gedanken mehr fassen kann, wer behutsamen Umgang braucht und wessen kognitive Leistungen eingeschränkt sind, der spielt keine Rolle mehr im Großen und Ganzen. „Dabei betrifft es jeden irgendwann. Über viele Lebensphasen haben wir unsere klaren Vorstellungen und können sagen, was zum Leben eines Kindes oder eines Vierzigjährigen gehören sollte. Nur wenn es um das Alter geht, dann bleiben unsere Ansichten sehr vage“, sagt Tesch-Römer.

          Vielleicht würde es leichter fallen, die Ansichten übers Alter zu präzisieren, wenn man sicher sein könnte, dass man in einer Gesellschaft alt wird, die auf demente Menschen vorbereitet, in der ein würdeloses, einsames Dahinsiechen ausgeschlossen ist und Demenz einen festen Platz hat, in der die Wirklichkeit Demenzkranker verstanden wird und in der vielleicht sogar Menschen im Schlafanzug in Fußgängerzonen einfach dazu gehören.

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