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Innovative Pflege : Wenn Demenz die Hauptrolle spielt

Der erste produzierte Film heißt „Ein Tag im Tierpark“. Darin sind zu sehen Kinder, die durch ein Wildgehege schlendern und Hängebauchschweine Rehe oder Ziegen streicheln. Rosentreters Idee scheint zu funktionieren. Demenzkranke beginnen, während sie den Film schauen, zu kommunizieren, auf den Bildschirm zu zeigen, zu lächeln, oder sie versuchen sogar, das Rehkitz im Fernsehen zu streicheln. „Zwar verstehen die demenzkranken Fernsehzuschauer oft nicht, dass es sich um eine Filmvorführung handelt und was sie sich gegenseitig sagen, aber sie wollen sich mitteilen, werden aktiviert und in ihrer Welt erreicht. Das führt bei ihnen zu positiven Emotionen, und das ist das wichtigste Ziel“, erklärt Rosentreter.

Kruse hält Filme für Demenzkranke ebenfalls für eine ausgesprochen positive Idee. „Ohne dass ich mir die Filme explizit angeschaut habe, kann ich es nur begrüßen, Demenzkranke sensorisch und kognitiv zu stimulieren.“ Er selbst habe an seinem Institut Studien durchgeführt, in denen Menschen mit weit fortgeschrittener Demenz auch mit Tönen und Farben stimuliert wurden, und daraufhin bei einigen Patienten eine aktuelle Verbesserung der emotionalen Situation erfasst werden konnte. „Insgesamt scheinen mir alltagspraktische Stimulationen und damit prinzipiell auch Filme eine bedeutsame Form der aktivierenden rehabilitativen Betreuung und Begleitung von Demenzkranken zu sein“, sagt der Gerontopsychologe.

Die Wirkung der Filme soll erforscht werden

Was die wissenschaftliche Untermauerung des Konzeptes von Rosentreter betrifft, will die Universität Lüneburg von Januar 2012 an ein Forschungsprojekt einrichten. Dort sollen Rosentreters Beobachtungen und Erfahrungen untersucht, belegt und weiterentwickelt werden. „Die erste Krankenkasse hat auch schon Interesse an den Filmen gezeigt“, erzählt Rosentreter. „Es ist Zusammenarbeit mit Ilses weiter Welt ein Filmprojekt für deren Mitglieder geplant“.

Dass Krankenkassen irgendwann einmal die Kosten für die Filme übernehmen und Filmvorführungen flächendeckend zum Standard in Pflege- und Altersheimen gehören, sind die großen Wünsche von Rosentreter. „An Ideen für Filmmaterial und Interesse aus dem In- und Ausland mangelt es jedenfalls nicht“, fügt sie an. Über tausend verkaufte DVDs seit November des vergangenen Jahres, den Karma-Konsum-Sonderpreis für soziale Innovation und die Nominierung für den Deutschen Engagementpreis 2011 geben ihr recht.

Der Markt für „Demenzprodukte“ ist noch wenig erschlossen

Unabhängig davon, wie erfolgreich Rosentreters Konzept sich in der Demenzpflege erweisen wird, „die Existenz dieses Projekts zeigt vor allem, dass Innovationen, Engagement und Ideen in der Pflege ausgesprochen wichtig sind“, sagt Clemens Tesch-Römer, Institutsleiter vom Deutschen Zentrum für Altersfragen. „Solche Entwicklungen stimmen mich zuversichtlich.“ Denn der Markt für „Demenzprodukte“ ist noch wenig erschlossen. Er bietet Platz für einen neuen Wirtschaftszweig, mit dem in Zukunft wahrscheinlich viel Geld zu verdienen sein wird. Dieser Platz muss genutzt werden, um die auf uns zurollende Demenzlawine in den Griff zu bekommen. „Dabei darf in keinem Fall vergessen werden, dass es vor allem um eine würdevolle Betreuung Demenzkranker geht und man sich Zeit nehmen muss, deren Welt zu verstehen“, sagt Rosentreter.

Die Angst davor, die eigene Würde zu verlieren, ist wahrhaftig immer wieder ein zentrales Thema für Betroffenen. Grund dafür ist vermutlich, dass Demenz unsere Leistungs- und Wissensgesellschaft an ihrem empfindlichsten Punkt trifft. Wer nicht mehr sinnreich kommunizieren und keine klaren Gedanken mehr fassen kann, wer behutsamen Umgang braucht und wessen kognitive Leistungen eingeschränkt sind, der spielt keine Rolle mehr im Großen und Ganzen. „Dabei betrifft es jeden irgendwann. Über viele Lebensphasen haben wir unsere klaren Vorstellungen und können sagen, was zum Leben eines Kindes oder eines Vierzigjährigen gehören sollte. Nur wenn es um das Alter geht, dann bleiben unsere Ansichten sehr vage“, sagt Tesch-Römer.

Vielleicht würde es leichter fallen, die Ansichten übers Alter zu präzisieren, wenn man sicher sein könnte, dass man in einer Gesellschaft alt wird, die auf demente Menschen vorbereitet, in der ein würdeloses, einsames Dahinsiechen ausgeschlossen ist und Demenz einen festen Platz hat, in der die Wirklichkeit Demenzkranker verstanden wird und in der vielleicht sogar Menschen im Schlafanzug in Fußgängerzonen einfach dazu gehören.

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