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: Goethes Italienisch

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Das erste Kapitel meines Buchs "Römische Spuren. Goethe und sein Italien", das 2007 erschien, behandelt Goethes Verhältnis zur italienischen Sprache. Es gelang mir nachzuweisen, dass Goethe die italienische Sprache allein gelernt ...

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          Das erste Kapitel meines Buchs "Römische Spuren. Goethe und sein Italien", das 2007 erschien, behandelt Goethes Verhältnis zur italienischen Sprache. Es gelang mir nachzuweisen, dass Goethe die italienische Sprache allein gelernt hatte, weil sein Vater sich weigerte, ihn im Italienischen zu unterrichten, wie er es mit der Tochter Cornelia tat. Er wollte auch nicht, dass sein eigener italienischer Lehrmeister, Domenico Giovinazzi, dem jungen Wolfgang Unterricht gab.

          Giovinazzi verkehrte im Haus Goethe, aber er hatte nur die Aufgabe, Johann Kaspar Goethe bei der Abfassung seiner "Italienischen Reise" zu helfen, die dieser unbedingt auf italienisch schreiben wollte. Dass Kaspar Goethes "Italienische Reise" ein sehr mäßiges Werk ist, wusste niemand so gut wie sein Sohn, der sich nie die Mühe gab, es zu lesen, geschweige denn zu veröffentlichen. Kaspar Goethes "Italienische Reise" wurde erstmals 1932 von einem italienischen Gelehrten veröffentlicht, aber der berühmte, damals auch in Deutschland sehr bekannte italienische Philosoph Benedetto Croce hielt diese Veröffentlichung für einen schlechten Dienst am Ruf des Sohns. Dann kam Albert Meier, dem Croces negatives Urteil, das auch auf deutsch vorlag, offenbar entgangen war, auf die Idee, das wirre und ziemlich unleserliche Werk von Vater Goethe ins Deutsche zu übersetzen (F.A.Z. vom 30. Juli 1999).

          Bei den gegebenen Voraussetzungen ist klar, dass Goethe junior als Kind nur wenig Italienisch gelernt hatte und sich unsicher in dieser Sprache fühlte. Dies wird auch von seiner Korrespondenz bestätigt. Am 20. Februar 1782 antwortete Goethe dem italienischen Arzt und Übersetzer seines "Werther", Michele Salom, der ihn gebeten hatte, die Übersetzung zu kontrollieren, dass er ohne die Hilfe eines guten Kenners der italienischen Sprache dazu nicht in der Lage sei.

          Dieser Experte war Christian Joseph Jagemann, der lange in Italien gewesen war und seit 1775 die Stelle eines Bibliothekars der Herzogin Anna Amalia bekleidete. Er konnte perfekt Italienisch, und es ist bekannt, dass Goethe sich in allen diesbezüglichen Fragen an ihn wandte. Die Antwort an Salom umschreibt gut Goethes Verhältnis zur italienischen Sprache: Er liebte sie sehr und kannte sie jetzt auch ein bisschen besser, aber er wusste nicht recht, wie weit seine Kenntnisse gingen. Dies betraf vor allem die geschriebene Sprache. Seit seiner Jugend hatte er nämlich Kontakt mit der italienischen Literatur gehalten.

          Ganz anders stand es um das Gesprochene. Beim Sprechen fühlte sich Goethe viel unsicherer, vom Schreiben gar nicht zu reden. Er zweifelte sehr an seiner Fähigkeit, Italienisch zu schreiben. Dann aber fasste er Mut, als es darum ging, dem Kanonikus Gian Giacomo Dionisi zu danken. Dionisi war ein Altertumsforscher aus Verona, der auch Fossilien sammelte. Er hatte Herzog Carl August in einem französischen Brief angeboten, ihm versteinerte Fische aus seiner Sammlung aus Bolca bei Verona, einem bei den europäischen Sammlern sehr geschätzten Lager, zu schenken.

          Der Herzog war sehr erfreut über dieses Angebot und antwortete ihm am 4. November 1782. Darauf schickte Dionisi die Kiste mit den Fossilien nach Weimar, für die der Herzog ihm am 6. April 1783 ebenfalls auf französisch dankte. Dionisi hatte aber auch den Minister des Herzogs nicht vergessen und einige Fossilien für Goethe beigelegt. In diesem Sinn schrieb er auch an Goethe einen französischen Brief, um ihm die Ankunft der Fossilien anzukünden.

          Goethe dankte für dieses Geschenk am 30. März 1783 - aber nicht auf französisch, sondern auf italienisch. Der etwa dreißig Zeilen lange Brief ist in perfektem Italienisch geschrieben. Er wurde in der Stadtbibliothek von Verona von Gian Paolo Marchi entdeckt.

          In Anbetracht der Unsicherheit, die Goethe in der Korrespondenz mit Michele Salom in Bezug auf die Übersetzung des Werther erkennen lässt, ist es unwahrscheinlich, dass er den Brief ohne fremde Hilfe schrieb. Wahrscheinlich ließ er seinen Entwurf von Jagemann korrigieren und in eine gute Form bringen. Dies legt auch die Tatsache nahe, dass die Herzogin Anna Amalia, die auch einige Fossilien erhalten hatte, Dionisi ebenfalls in gutem Italienisch dankte, obwohl sie diese Sprache nicht kannte. Auch in diesem Fall muss der Bibliothekar Jagemann das Billet geschrieben haben. Im wiederaufgefundenen Brief dankt Goethe dem Kanonikus Dionisi für die Freundlichkeit, auch ihn bedacht zu haben, und drückt ihm als fachkundiger Geologe seine Freude über die wertvollen Funde aus.

          Roberto Zapperi ist Historiker, Kunst- und Literaturgeschichtler. Zuletzt erschien von ihm "Abschied von Mona Lisa. Das berühmteste Bild der Welt wird enträtselt" (C.H. Beck, 2010).

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