https://www.faz.net/-1w2-6l8he

Frau & Mann : Was trennt die Geschlechter?

Bild:

Bei der versuchten Beantwortung einer sehr alten Frage kommen Probleme ins Spiel, die nun auch schon einige Zeit verhandelt werden - und vor allem zuverlässig für Konfliktstoff sorgen. Wie auch eine Tagung unlängst in Heidelberg zeigte.

          3 Min.

          Mit den Geschlechtern und ihren Beziehungen zueinander hatte auch Charles Darwin so seine Schwierigkeiten. Frauen könnten gar nicht anders als monogam veranlagt sein, und über die unübersehbaren weiblichen Schwellungen von Primaten schrieb er grundsätzlich nur in lateinischer Sprache. Welche Blüten die Natur treibt, um Geschlechtsunterschiede zu etablieren, ja sie dann auch noch bizarr zu verstärken, konnte dem großen Evolutionsbiologen selbstverständlich nicht entgangen sein. Aber sein kulturelles Umfeld war ein moralisch verstocktes.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Heute ist daraus ein Politikum geworden - ein Konfliktstoff auf allen Ebenen von der Erziehung und Bildung bis zur Medizin. Während die einen nun versuchen, die natürlichen Geschlechtsunterschiede wenigstens kulturell einzuebnen und etwa in klinischen Studien die ungleichen Eigenschaften von Mann und Frau zu berücksichtigen, zweifeln andere die Verschiedenheit von Frau und Mann weiter grundsätzlich an. Ein fataler Irrtum - ein biologistischer Trugschluss, wie sich zeigt. Auf der elften fächerübergreifenden Konferenz "Science and Society" am Heidelberger Europäischen Molekularbiologischen Labor (EMBL) war die feministische Falle durchaus das Thema. Ausgesprochen wurde es selten. Denn an dem Willen, die Gleichberechtigung der Geschlechter voranzutreiben, ließen auch jene keinen Zweifel, die evolutionsbiologisch zu erklären versuchen, warum der Mann vom Mars und die Frau von der Venus ist. Deshalb galt zuerst: Werte und Fakten trennen.

          Was sich da gegenseitig selektiert

          Zu den behandelten Fakten gehörten zum Beispiel: Männer sterben statistisch früher, werden kränker, sind als Kind psychisch anfälliger - mit einem Wort: Sie sind labiler und dennoch gesellschaftlich dominierend. "Nur weil etwas empirisch belegt und biologisch gesichert ist, muss es nicht gleichzeitig auch gut sein." Mit diesem Satz, der von der kanadischen Kinderpsychologin und Autorin Susan Pinker stammt, war in Heidelberg der größte gemeinsame Nenner von Naturwissenschaftlern, Psychologen und Soziologen definiert. Und zugleich ideologisch der Weg für einige spannende Einsichten frei geräumt. Zum Beispiel über die Frage, wie Geschlechtsunterschiede naturgesetzlich zu erklären sind. Sexuelle Selektion lautete die wichtigste Antwort der Biologen.

          Tim Birkhead von der University of Sheffield hat die gestalterische Macht dieses evolutionären Phänomens eindrücklich beschrieben. Die Grundannahme der Theorie lautet: In der Beziehung der Geschlechter geht es keineswegs nur um Liebe und Sex, es ist auch ein unendlicher Kampf um den richtigen Partner. Männlein und Weiblein haben sich ein beeindruckendes Arsenal an körperlichen wie psychologischen Selektionsinstrumenten zugelegt, um ihre je eigene Fortpflanzungsstrategie - Ressourcensicherheit bei den Weibchen, Streuung des Genmaterials bei den Männchen - zu verwirklichen.

          Der Reproduktionsapparat beim Geflügel zeigt das geradezu plakativ. Birkhead präsentierte die sonderbar spiralig aufgedrehte Vagina von Enten, die zusätzlich mit Seitentaschen ausgerüstet ist. Zweck der Konstruktion: Kommt der richtige Partner, bleibt das Weibchen entspannt, die Spermien klettern ungehindert die Spiralvagina hinauf. Wird die Ente jedoch vom Falschen bedrängt, was nicht unüblich ist, sorgt ein Muskelimpuls dafür, dass sich die Spiralvagina verkürzt und verschließt - und das unerwünschte Sperma in den Seitentaschen endet.

          Affen müssen ein

          Sexuelle Selektion polarisiert die Geschlechter über Millionen von Jahren, daran gibt es auch für Joanna Setchell, Primatenforscherin von der Durham University, keinen Zweifel. Sie forscht an Mantelpavianen, bei denen die größten äußerlichen Geschlechtsunterschiede unserer nächsten Verwandten zu finden sind, und an Languren, deren Weibchen es mit einem speziellen Sexualverhalten ähnlich wie Schimpansendamen mit ihrer zuweilen exzessiven Paarungswut - bis zu dreizehn Mal pro Stunde - schaffen, den Zeitpunkt des Eisprungs zu verschleiern und so die Vaterschaft zu steuern.

          Die entscheidende Frage freilich lautet: Sind auch die Geschlechtsunterschiede beim Menschen Ausdruck sexueller Selektion? Durchaus, wenn auch wohl etwas weniger ausgeprägt, lautete die etwas fade Antwort der Biologen. Die amerikanische Geschlechterforscherin Anne Fausto-Sterling von der Brown University, selbst Biologin, gab sich überzeugt, dass die "rosa und blauen Sphären" in unserer Gesellschaft nicht absolut vorbestimmt sind. Sexuelle Prägung lebe von einer nachgeordneten Dynamik. "Ausgangspunkt ist eine Art Lustzentrum, das im ersten Jahr, wenn sich das Gehirn der Kinder entwickelt, durch die Geschlechtshormone, aber eben auch durch die Handlungsstereotypen der Eltern angeregt wird." Rollenbilder setzten sich so fest, aber auch handfeste biologische Unterschiede im Gehirn und im Verhalten. Am Ende war man sich in einem einig: Das Y-Chromosom ist nicht der einzige Unterschied zwischen Mann und Frau.

          Topmeldungen

          Der Verleger Holger Friedrich hat sich gleich in mehreren Punkten verrechnet.

          „Berliner Zeitung“ : Verleger Friedrich hat sich verspekuliert

          Stasi-Vorwürfe, Interessenkonflikt und nun auch noch eine Abfuhr des Berliner Senats. Für den IT-Millionär Holger Friedrich erweist sich sein Investment in den Berliner Verlag als echtes Problem. Sein Geschäftsmodell steht in Frage.