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Ernüchternde WWF-Studie : Bescheidene deutsche Fortschritte im Naturschutz

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Unter Naturschutz kann man Verschiedenes verstehen. Bild: picture-alliance/ dpa

Deutschland kann sich mit seinem Naturschutz nicht brüsten, das zeigt eine Studie des deutschen WWF. Ob bis 2010 die angestrebte „signifikante Verringerung des Verlust biologischer Vielfalt“ erreicht werden kann, hängt vom Verständnis des Wörtchens „signifikant“ ab.

          In der Politik liebt man vollmundige Versprechen. Wenn sie nicht einzulösen sind, wird sich schon eine Ausrede finden. Zur Zeit dürfte der Bundesumweltminister an Formulierungen feilen, mit denen sich die Lage der Natur in Deutschland so beschreiben lässt, dass die Politik einigermaßen gut dasteht. Denn auf der 9. Konferenz der Vertragsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD), die am 19. Mai in Bonn beginnt, werden die Delegierten aus aller Herren Länder fragen, wie es eigentlich ihr Gastgeber mit dem Naturschutz hält. Und wie es aussieht, kann sich Deutschland nicht besonders brüsten. Das geht aus einer aktuellen Studie des WWF Deutschland hervor.

          Unter dem Titel "Naturschutz in Deutschland. Schutzgebiete und das Biodiversitätsziel 2010" präsentiert Frank Barsch eine umfangreiche, bisweilen mit kritischem Unterton versehene Bestandsaufnahme. Deutschland, so heißt es darin, habe sich einem hohen Ziel verpflichtet. Denn nach einer 2001 getroffenen Vereinbarung der Europäischen Union solle der Verlust an biologischer Vielfalt bis zum Jahr 2010 gestoppt sein. Wie man anhand der vorgelegten Fakten leicht ausrechnen kann, ist das illusorisch. Was bleibt, ist die Frage, ob man sich wenigstens dem von den Vertragsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt 2002 verabschiedeten "Biodiversitätsziel 2010" nähern kann. Es fordert zu diesem Datum lediglich eine "signifikante" Verringerung des Verlusts an biologischer Vielfalt. Die aktuelle Situation in Deutschland spiegele diesen Anspruch aber kaum wider, heißt es beim WWF.

          Schutzgebiete sind nicht gleich Naturschutz

          Es ist gerade zwei Wochen her, dass der Bundesumweltminister zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz eine Mitteilung mit der Überschrift "Fläche der Naturschutzgebiete in Deutschland um 30 Prozent gestiegen" herausgegeben hat. Das erweckte einen ganz anderen Eindruck, gilt die Zahl der Naturschutzgebiete doch weithin als Aushängeschild für die Naturverbundenheit der Obrigkeit. Schon 1836 wurde mit dem Drachenfels im Siebengebirge die erste derartige Zone ausgewiesen, und Ende 2006 gab es 7923 davon, wie den "Daten zur Natur 2008" des Bundesamtes für Naturschutz zu entnehmen ist. Die Naturschutzgebiete umfassen jetzt zusammen rund 1,9 Millionen Hektar, was 3,3 Prozent der Fläche Deutschlands ausmacht.

          Beim WWF sieht man in dem bislang Erreichten aber keineswegs einen Anlass zur Zufriedenheit. Denn in den Naturschutzgebieten seien Land-, Forst- und Wasserwirtschaft sowie die Jagd meistens weiterhin zulässig, obwohl das dem Schutzzweck häufig entgegenstehe. Außerdem seien die einzelnen Gebiete - abgesehen von den Wasser- und Wattflächen - recht klein, vor allem die im Hügel- und Bergland. Durchschnittlich umfassen sie nur 1,4 Quadratkilometer, und zwei Drittel von ihnen erreichen nicht einmal 0,5 Quadratkilometer. Solche Flicken sind nur bedingt als Refugium für seltene Pflanzen und Tiere geeignet. Auch die beeindruckend hohe Zahl von Schutzgebieten wird relativiert. Flächen könnten nämlich gleich mehreren Kategorien zugeordnet sein. So habe das Naturschutzgebiet "Unteres Odertal" auch den Status eines Nationalparks, und 1600 Quadratkilometer des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer seien auch als Naturschutzgebiet und Biosphärenreservat ausgewiesen.

          Reservate, Denkmäler, Landschaften

          Verwirrend ist inzwischen die Fülle an Kategorien, in die Schutzgebiete eingeteilt werden. Neben den Naturschutzgebieten, Biosphärenreservaten und Nationalparken gibt es unter anderem noch die - dem WWF zufolge als "naturschutzfachlich meist bedeutungslos" einzuschätzenden - Naturparke und Landschaftsschutzgebiete. Dazu kommen Naturwaldreservate, Naturdenkmäler und die Geschützten Landschaftsbestandteile. Zu diesen nationalen Kategorien gesellen sich europäische, und zwar als Bestandteile des angestrebten Schutzgebietsnetzes "Natura 2000". Hierzu gehören zum einen Vogelschutzgebiete, von denen Deutschland bereits mehrere hundert nach Brüssel gemeldet hat, zum anderen sogenannte FFH-Gebiete. Dies sind Flächen, die nach der "Flora-Fauna-Habitat"-Richtlinie der Europäischen Union ausgewiesen werden. Es handelt sich dabei um Gebiete mit seltenen Typen von Lebensräumen und besonders bedrohten Arten. Deutschland habe, wie der WWF anerkennend vermerkt, 4617 FFH-Gebiete gemeldet und nach Angaben der EU das Soll im terrestrischen Bereich fast vollständig erfüllt. Weiterer Anstrengungen bedürfe es noch bei der Ausweisung von Meeresgebieten.

          Beim WWF sieht man zwar Anzeichen dafür, dass der Verlust an biologischer Vielfalt etwas gebremst wurde. So hätten sich die Bestände des Seeadlers, Schwarzstorchs und Seehunds leicht erholt. Es gebe aber keinen Grund zur Entwarnung. Nach wie vor stünden fast drei Viertel der Lebensraum-Typen auf der Roten Liste, und den Populationen etwa jeder dritten Art werde ein schlechter Zustand bescheinigt. Sogar in den Nationalparken seien Mängel festzustellen, man könne von "Entwicklungsnationalparken" sprechen, in denen das Schutzziel erst noch erreicht werden müsse. Ob Deutschland das Biodiversitätsziel 2010 erreichen werde, hänge nicht zuletzt davon ab, wie wohlwollend man das Wort "signifikant" auslegen werde. Auch im Bundesamt für Naturschutz hält man die Gesamtsituation der biologischen Vielfalt und des Naturhaushaltes nach wie vor für "alarmierend". Der Bundesumweltminister indes wartet mit einer positiven Sicht auf. "Die Erfolge", sagt er, "zeigen, dass wir in der Lage sind, negative Trends bei der biologischen Vielfalt umzukehren und mit unseren Bemühungen erfolgreich unsere natürliche Umwelt zu schützen und auch wiederherzustellen." Das klingt signifikant politischer.

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