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: Die verdorbenen Burschen wollen von sich reden machen und finden auch noch ein Echo

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Ohne Medien wäre der Terrorismus nichts" lautet eine alte Einsicht der Terrorismusforschung. Beide unterliegen der Logik des Außergewöhnlichen und Spektakulären, prämieren Eindeutigkeit und Emotionalität, sind aktualistisch auf Neuigkeiten fixiert und auf die Nähe zum Zuschauer bzw.

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          Ohne Medien wäre der Terrorismus nichts" lautet eine alte Einsicht der Terrorismusforschung. Beide unterliegen der Logik des Außergewöhnlichen und Spektakulären, prämieren Eindeutigkeit und Emotionalität, sind aktualistisch auf Neuigkeiten fixiert und auf die Nähe zum Zuschauer bzw. dem Leser ausgerichtet. Selbst den Bezug auf Eliten und Prominenz teilen beide. Jüngst sprechen viele Kulturwissenschaftler jedoch davon, dass sich nach den Ereignissen vom 11. September 2001 ein "neuer Aufmerksamkeitsterrorismus" entwickelt habe. Die Ereignisse seien, so schrieb der Medienwissenschaftler Stephan Alexander Weichert im Jahr 2007, in jeder Hinsicht "medienhistorisch als Paradigmenwechsel zu begreifen". Betrachtet man die Berichterstattung jedoch im historischen Vergleich, muss diese Annahme vom Außergewöhnlichen und Neuen des 11. September modifiziert werden.

          Zwischen 1880 und 1914 wurden acht europäische Monarchen und Staatsoberhäupter von Anarchisten mit Dolchen, Bomben oder Pistolen ermordet. Darüber hinaus wurden 150 Personen innerhalb Europas (ohne Russland) getötet und weitere 470 Menschen verletzt. Die Anzahl der Anschläge und Opfer erscheint im Vergleich zur Gegenwart als gering, bedenkt man, dass nach einer Untersuchung des amerikanischen Außenministeriums aus dem Jahr 2005 insgesamt 7500 Terroranschläge weltweit mit insgesamt 6600 Toten gezählt werden konnten.

          Dennoch erregte der terroristische Anarchismus hohe Aufmerksamkeit. Insgesamt lagen die Anschlagszentren der rund 5000 militanten Anarchisten Europas in den städtischen Metropolen Europas. Paris, Barcelona und Rom wurden oft gleichzeitig oder in dicht gestaffelten Kettenreaktionen mit Anschlägen überzogen. In einer Mischung aus Euphorie, Enttäuschung und Erschöpfung zwischen Gefängnishaft, Ausweisung, Exil und Revolutionstourismus waren anarchistische Agitatoren und Terroristen quer durch Europa und die Vereinigten Staaten gependelt. Die Knotenpunkte ihrer europäischen Wanderungsnetze lagen hierbei meist in liberalen Staaten wie der Schweiz oder im englischen London, da die Ausweisung aus diesen Ländern sich als besonders schwierig erwies.

          Die Blutbilanz der transnational vernetzten Anarchisten hatte den italienischen Ministerpräsidenten Francesco Crispi dazu gebracht, die Anarchisten als Menschen "senza patria", Vaterlandslose zu bezeichnen. Der österreichisch-ungarische Außenminister Graf Agenor Goluchowsky stimmte mit dieser Einschätzung überein, als er die Anarchisten als "wilde Bestien ohne Nationalität" bezeichnete. Schon im neunzehnten Jahrhundert war von einem "internationalen Krieg" gegen den Terrorismus die Rede.

          Entscheidend war jedoch, dass der Terrorismus nach 1880 zu einem wichtigen Thema der populären Massenpresse geworden war. Die Berichterstattung steigerte nicht nur die Absatzzahlen der Zeitungen, das Thema fügte sich auch in eine neue Art und Weise medialer Berichterstattung ein. Bei dieser Medienberichterstattung spielte die Verwendung der Gewaltmittel durch die Terroristen eine besondere Rolle.

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