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: Die Anatomen der braunen Henker

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Medizinstudenten an der Universität Jena erwartet eine besondere Art der Aufklärung, wenn sie sich dort im Anatomischen Institut dem Bau des menschlichen Körpers widmen. Die Jenaer Anatomie zählt nämlich zu jenen Instituten, die ...

          Medizinstudenten an der Universität Jena erwartet eine besondere Art der Aufklärung, wenn sie sich dort im Anatomischen Institut dem Bau des menschlichen Körpers widmen. Die Jenaer Anatomie zählt nämlich zu jenen Instituten, die für den Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus eine weithin akzeptierte Lösung gefunden haben. Zwischen 1933 und 1945 kamen etwa zweihundert Leichname von Hingerichteten und noch einmal so viele aus thüringischen Heilanstalten, in denen Euthanasieverbrechen begangen wurden, sowie Leichname von Zwangsarbeitern in die Jenaer Anatomie.

          Als man vor wenigen Jahren dem Verbleib dieser Opfer auf den Grund ging, konnte man zwar so gut wie sicher ausschließen, dass Teile von ihnen in die anatomische Sammlung eingingen, die der Öffentlichkeit zugänglich ist. Bei den anonymisierten Knochen indes, die keinem Individuum mehr zugeordnet werden können, gelang das nicht. Da diese Knochen zum allergrößten Teil nicht von NS-Opfern stammen und nach wie vor nur für die Lehre verwendet werden und dafür sehr wichtig sind, entschied man sich im Einvernehmen mit einem externen Gutachter, diese Hintergründe den Studenten zu offenbaren, jedoch die Knochensammlung nicht komplett zu begraben. Nicht nur eine Gedenktafel macht auf diese Zusammenhänge aufmerksam. "Wir erklären das alles den Erstsemestern und bitten sie, die ohnehin zu einem respektvollen Umgang mit den Toten aufgerufen sind, auf diesen Sachverhalt noch einmal besonders Rücksicht zu nehmen", sagt Christoph Redies, der Leiter der Anatomie I in Jena.

          Auch an anderen deutschsprachigen Universitäten haben sich die Anatomischen Institute inzwischen ihrer Vergangenheit gestellt. Die Verstrickungen wurden aufgearbeitet; in vielen Fällen wurden Präparate, die aus den Leichnamen von Opfern der nationalsozialistischen Ära angefertigt worden waren, bestattet. Ein eigener Arbeitskreis der Ärzteschaft hat Empfehlungen zum Umgang mit den Beständen aus einem Unrechtskontext herausgegeben. Vorläufiger Höhepunkt dieser neuen Offenheit ist eine Artikelserie von Sabine Hildebrandt an prominenter Stelle, in der Fachzeitschrift "Clinical Anatomy". Hildebrandt arbeitet selbst als Anatomin an der Michigan Medical School in Ann Arbor.

          Diese Aufarbeitung kommt - im Vergleich zu anderen medizinischen Fächern - vergleichsweise spät. Das verwundert umso mehr, als jeder Medizinstudent plastisch vor Augen hatte, was das nationalsozialistische Regime für die Anatomie bedeutete. Wer seinerzeit einen Präpariersaal betrat, jenen Raum, in dem die Studenten die toten Körper zu Lernzwecken sezieren, sah vorwiegend junge, enthauptete Menschen, der Kopf lag neben der Leiche. Das bestätigen nicht nur regelmäßig ältere Ärzte im Gespräch. Auch der bekannte Wissenschaftspublizist Hoimar von Ditfurth hat es in seinen Erinnerungen beschrieben. Es gibt allerdings kaum Berichte darüber, wie Studenten damals darüber dachten. Einer dieser Berichte stammt von Renate Roese aus Gießen, die sich von dem "neuen Material" entsetzt zeigte. Sie wurde später als Widerständlerin verhaftet.

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