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: Das Kind war kapores

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Seit einem Jahr sind von Evgeny Kissin neue Töne zu hören. In einem Interview mit der "Jerusalem Post" vom 7. Januar anlässlich seines ersten Solokonzerts in Jerusalem erklärte der Pianist, dass die "wütende Anti-Israel-Hysterie ...

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          Seit einem Jahr sind von Evgeny Kissin neue Töne zu hören. In einem Interview mit der "Jerusalem Post" vom 7. Januar anlässlich seines ersten Solokonzerts in Jerusalem erklärte der Pianist, dass die "wütende Anti-Israel-Hysterie in vielen Teilen der Welt" ihn dazu bewogen habe, sich öffentlich als Jude zu bekennen. Er sei als völlig Assimilierter Bezug zur jüdischen Religion und Kultur in den siebziger Jahren in Moskau aufgewachsen. Jüdischsein sei etwas sehr Privates gewesen, wie Liebe, über

          das man in der Öffentlichkeit nicht spreche. Doch der fühlbare, virulente Hass auf Israel bewege ihn zu seinem Bekenntnis.

          Dieses allerdings hatte unpolitische Anfänge. Während eines selbstverordneten Freisemesters, das er seiner musikalischen Entwicklung einerseits und seinen außermusikalischen Interessen andererseits widmen wollte, las er sich in die jiddische Dichtung ein. Der Online-Newsletter der jiddischen Version der amerikanischen Zeitung "Forward" enthält ein Interview in jiddischer Sprache, das der Psychoanalytiker Max Kohn in seiner Pariser Praxis mit Kissin führt. In nahezu fehlerfreiem, grammatisch komplexem und lexikalisch ausgewähltem Jiddisch berichtet Kissin, wie er sich mit siebzehn Jahren in Moskau die hebräischen Buchstaben von einem Kalender und die Anfangsgründe des Jiddischen von einer Schallplattenhülle beibrachte. Konzertaufenthalte in Deutschland halfen mit dem Vokabular. Schließlich schenkte ihm 1997 ein Freund Shimon Sandlers Lehrbuch des Jiddischen für russische Muttersprachler - "und da wurde mir plötzlich alles klar".

          Der witzigste Kommentar zu Kissins neuestem Unternehmen und der Frage der Komplexität der modernen jüdischen Identität global aktiver Musikstars kam von dem Pianisten Kirill Gerstein. Acht Jahre jünger als Kissin, wuchs Gerstein in den achtziger Jahren in Woronesch

          als Jude auf. Er verließ Russland als Jugendlicher, ist heute amerikanischer Staatsbürger, fühlt sich aber in Stuttgart, wo er eine Professur für Klavier an

          der Hochschule für Musik bekleidet,

          so zu Hause wie im Boston seiner Eltern und im Jerusalem seiner Freundin. Als Antwort auf das jiddische Kissin-

          Interview schickte er in einer E-Mail Goethes "Erlkönig" in elsässischer Mundart: "Wär ritet so spät par le nuit et par

          le vent?/ Das isch dr Pappe mit sym enfant. / Dr Pappe kriegt Gänshüt, er rittet wif / in syne bras tüets Kind e Schnüf / er kunt zum Hof Appolinores / in syne bras isch dr Schampediss kapores." Dabei ist "Schampediss" eine dialektale Form von "Jean Baptist", des allgemeinen Jungennamens. Das Wort "kapores" aber kommt vom Opferhuhn, das am Vorabend des Jom Kippur als Sühneopfer (hebräisch kaparah, jiddisch kapore) rituell geschlachtet wird. Es überlebt in der jiddischen Redensart "s'toigt mir af kapores", was, um eine weitere jiddische Redensart zu benutzen, so viel bedeutet wie: Es hilft mir so viel wie ein Loch im Kopf. Susanne Klingenstein

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