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: Auf den Zahn gefühlt

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Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ist eine junge Disziplin. Die Fachgesellschaft wurde erst 1951 gegründet. Lehrstühle gibt es in Deutschland nur an 34 Universitäten, die Fachgemeinschaft umfasst kaum 1500 Personen, die sowohl ein Studium der Medizin wie der Zahnmedizin absolviert haben.

          Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ist eine junge Disziplin. Die Fachgesellschaft wurde erst 1951 gegründet. Lehrstühle gibt es in Deutschland nur an 34 Universitäten, die Fachgemeinschaft umfasst kaum 1500 Personen, die sowohl ein Studium der Medizin wie der Zahnmedizin absolviert haben. Eine davon, der frei praktizierende Chirurg Adorján F. Kovács, hat die Usancen der Lehrstuhlvergabe in seinem Fach soziologisch in den Blick genommen ("Patronage und Geld. Schließungsmechanismen bei der Besetzung von Lehrstühlen am Beispiel einer wissenschaftlichen Teildisziplin in Deutschland", in: Berliner Journal für Soziologie, Jg. 20, Heft 4, 2008). Dazu hat er die Reputation deutscher Universitäten in Zahnmedizin (Freiburg, Heidelberg und Erlangen-Nürnberg an der Spitze) und Medizin (Heidelberg, München, Charité Berlin) nach den Forschungsranglisten des "Centrums für Hochschulentwicklung" herangezogen. Außerdem die Gutachterlisten der Deutschen Forschungsgemeinschaft in diesem Fach.

          Hieraus ergab sich ein Pool von gut zwanzig Universitäten, von denen zu erwarten wäre, dass ihre Absolventen auf frei werdende Lehrstühle kommen. Sehr selten bewerben sich Ärzte von nichtuniversitären Kliniken. Ein Wechsel von Lehrstuhlinhabern zwischen Universitätskliniken findet so gut wie nie statt, weshalb als Kandidaten für Neubesetzungen nur habilitierte Oberärzte berücksichtigt werden müssen. Derzeit, so Kovács, seien das vierzig Personen an 22 Kliniken, wovon acht aus Altersgründen nicht mehr in Betracht kommen. Pro Bewerbung auf einen Lehrstuhl sei es außerdem üblich, nur einen Bewerber pro Klinik ins Rennen zu schicken.

          Aus der Historie der Lehrstuhlbesetzungen identifiziert die Studie eine Reihe persönlicher Netzwerke, die von Hannover, Würzburg, Mainz, München, Tübingen und Berlin aus mehrfach ihre Kandidaten durchsetzen konnten. In den Jahren davor kamen die erfolgreichen Bewerber aus Freiburg, Köln, Münster und Tübingen. "Obwohl sich auf jede Stellen 20 bis 30 Personen aus fast ebenso vielen Universitätskliniken bewarben, spielten in den letzten 15 Jahren offensichtlich nur Bewerbungen aus Hannover (mittelbar Erlangen-Nürnberg und Freiburg), Mainz, der TU München und Würzburg eine Rolle." Viele dieser Kliniken besaßen außerdem mehr als einen Habilitierten und konnten darum schneller "nachladen", wenn weitere Stellen frei wurden.

          Es wurde also nur ein Drittel der Ausbildungsstätten bei den Neubesetzungen berücksichtigt. Die Indikatoren für Befähigung (Drittmittel, Publikationen, Promotionen, Patente) streuen viel stärker. Mehrere Forscher, die in höchstrangigen Journalen publiziert hätten, seien jedoch nie berücksichtigt worden. Neben dem Drittmittelaufkommen erkläre vor allem die Patronage von getreuen Schülern durch immer dieselben Personen - die Studie nennt Ross und Reiter -, wer neu berufen wird.

          Die Wahl eines einflussreichen Chefs, wird eine Bemerkung von Pierre Bourdieu zitiert, sei in der akademischen Welt nirgendwo wichtiger als in der Medizin. In der Wirtschaft, so der Eindruck, den man aus Kovács' Darstellung gewinnt, würde bei vergleichbarer Verflechtung das Kartellamt tätig. Da Aushandlungen in Kartellen einen gewissen Aufwand mit sich bringen, erklärt sich so vielleicht auch die im Vergleich zu anderen Fächern auffällig lange Dauer, die Lehrstuhlneubesetzungen an Universitätskliniken in Anspruch nehmen. kau

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