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Mysteriöse Seuche : Das unheimliche Sterben der Seesterne

  • -Aktualisiert am

Ein Seestern der Art Dermasterias imbricata zeigt die typischen weißen Läsionen, die zu Beginn der Krankheit auftreten. Bild: Nate Fletcher, University of California, Santa Cruz

Vor der Pazifikküste Nordamerikas verenden seit Monaten Millionen von Seesternen. Die Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel: Was zersetzt die Tiere bei lebendigem Leib?

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          Der Anblick, der sich Tauchern derzeit vielerorts vor der Westküste der Vereinigten Staaten und Kanadas bietet, gleicht einem Schlachtfeld: Der Meeresgrund ist von den toten Körpern unzähliger Seesterne übersät, die wenigen noch lebenden sind mit weißen Narben überzogen. Seit Juni vergangenen Jahres häufen sich hier die Berichte über ein Phänomen, das unter Meeresbiologen als „Sea Star Wasting Syndrome“ bekannt ist - eine Bezeichnung, die sowohl das Ausmaß der Seesternkrankheit als auch die Ratlosigkeit der Wissenschaftler zum Ausdruck bringt.

          Die betroffenen Meeresbewohner lösen sich innerhalb weniger Tage buchstäblich auf, und niemand weiß, warum. Wie die Krankheit verläuft, ist vor kurzem in den kanadischen Vancoover-Aquarien gefilmt worden. Das Videodokument zeigt im Zeitraffer eindrucksvoll, wie ein Sonnenblumenseestern innerhalb von sieben Stunden einen Großteil seiner Glieder verliert: Während es sich hilflos von einer Ecke des Aquariums zur nächsten schleppt, löst sich ein Arm nach dem anderen vom Körper des Tieres und wandert, wie von Geisterhand geführt, noch eine Weile eigenständig umher. Das Video stoppt, als ihm nurmehr fünf seiner ursprünglich sechzehn Arme geblieben sind.

          Ein betroffener Seestern der Art Pisaster ochraceus hat Läsionen an einem seiner Arme. Bilderstrecke
          Ein betroffener Seestern der Art Pisaster ochraceus hat Läsionen an einem seiner Arme. :

          Noch nie dagewesenes Ausmaß

          Während sich in den Jahren zuvor einige Seesternarten noch explosionsartig vermehrt haben, finden sich inzwischen an vielen Küstenabschnitten von Alaska bis Kalifornien nurmehr die Leichen der wirbellosen Tiere. Zwar wird ein solches Massensterben nicht zum ersten Mal beobachtet - bereits in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es ähnliche Fälle. Aber diese Epidemie unterscheidet sich von allen bisher dagewesenen, meint Melissa Miner von der University of California in Santa Cruz: „Alle vorausgegangenen Ereignisse zeigten einen deutlichen Zusammenhang mit erhöhten Wassertemperaturen - sie endeten auch immer im Winter, wenn sich das Wasser abkühlte. Diesesmal breitet sich die Krankheit weiter aus, obwohl wir uns längst in einer Kaltwasserperiode befinden. Außerdem ist die geographische Ausdehnung viel größer als jemals zuvor“, so die Biologin.

          Über die Ursachen wird bislang spekuliert. Erste Gerüchte über radioaktive Substanzen, die aus dem havarierten Kernkraftwerk in Fukushima durch Meeresströmungen bis an die amerikanische Westküste gespült wurden, sind schnell widerlegt worden. Mehr als ein Dutzend verschiedener Forschungseinrichtungen in Nordamerika, darunter die renommieren Universitäten Cornell und Yale, arbeiten inzwischen an wissenschaftlich fundierteren Erklärungen für das Phänomen. Sie untersuchen eine breite Palette an Faktoren, von Umwelteinflüssen wie dem Salz-, Sauerstoff- oder Nährstoffgehalt des Wassers über Belastungen durch Abwässer bis hin zu bislang unentdeckten Mikroben, die den Seesternen zusetzen. Gerade Letztere seien bei Meeresbewohnern extrem schwierig zu finden, erklärt Jeff Marliave, Vizepräsident der marinen Wissenschaftsabteilung der Vancoover-Aquarien. „Mikroben leben in astronomischer Anzahl innerhalb und außerhalb jedes Organismus. In einem Liter Meerwasser befinden sich mehr als eine Billion Viren, die meisten davon sind völlig harmlos. Herauszufinden, ob sich darunter die Auslöser der Krankheit befinden - und wenn ja, welche es sind -, ist eine große Herausforderung.“

          Histologische Befunde ohne Resultat

          Hinzu kommt die dürftige Datenlage: Im Vergleich zu kommerziell bedeutenden Meerestieren ist über Seesterne und ihre Krankheiten kaum etwas bekannt. So wurde bis heute nur eine einzige Virenart beschrieben, die Tiere aus dem Stamm der Stachelhäuter, zu denen auch die Seesterne gehören, befallen kann. Die Forscher aus den unterschiedlichen Disziplinen haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, diesen Wissensrückstand aufzuholen. Veterinärmediziner untersuchen systematisch Gewebe von gesunden und kranken Tieren mit histopathologischen Mikroskopiermethoden, in molekularbiologischen Labors wird Erbmaterial sequenziert, und Meeresbiologen führen Langzeitbeobachtungen der Seesternbestände in ihrer natürlichen Umgebung durch. Bislang jedoch ohne eindeutige Resultate.

          In den Gewebeproben der kranken Tiere wurde zwar eine große Zahl sogenannter Coelomozyten gefunden - eine Art von Immunzellen in Seesternen, die auf eine Entzündungsreaktion hinweisen. Hier fanden sich auch die Gensequenzen einiger Bakterien- und Virenarten, die in den gesunden Tieren nicht vorkamen. Ob sie aber die primäre Ursache für das Massensterben sind, oder nur Trittbrettfahrer, die von einem ohnehin geschwächtem Organismus profitieren, lässt sich damit nicht beurteilen. „Das Ausbreitungsmuster der Krankheit deutet auf einen pathogenen Mikroorganismus hin“, sagte der Veterinärmediziner Martin Haulena auf einer Informationsveranstaltung der Vancoover-Aquarien. Es sei jedoch zu früh, um andere Möglichkeiten ausschließen zu können. Letztlich könnte es auch eine natürliche Folge der Überpopulation in den vergangenen Jahren sein, die den Tieren schlicht die Lebensgrundlage genommen hat. Das Sterben der Seesterne wird in jedem Fall die Ökosysteme entlang der nordamerikanischen Pazifikküste beeinflussen. In welchem Ausmaß das geschehen wird, ist die wohl größte Unbekannte.

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