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: "Multiethnisches Kosovo oder ethnische Säuberung"

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SKOPJE, im April. Im "Büro des ersten Präsidenten" ist viel los. Kiro Gligorov, von 1991 bis 1999 Präsident Mazedoniens, ist auch im hohen Alter noch ein gefragter Mann, und nichts deutet darauf hin, daß sich daran nach seinem 87.

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          SKOPJE, im April. Im "Büro des ersten Präsidenten" ist viel los. Kiro Gligorov, von 1991 bis 1999 Präsident Mazedoniens, ist auch im hohen Alter noch ein gefragter Mann, und nichts deutet darauf hin, daß sich daran nach seinem 87. Geburtstag im Mai etwas ändern wird. Zwar hält sich Gligorov, dessen politischer Aufstieg unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg begann und der in den sechziger Jahren zunächst als Finanzminister, dann als stellvertretender Ministerpräsident der jugoslawischen Regierung unter Tito angehörte, mit Kommentaren zur Tagespolitik meist zurück - doch wenn er sich äußert, ist ihm Aufmerksamkeit auch außerhalb seiner Heimat gewiß. Noch immer gilt er in der Region als Autorität, auf dessen Meinung man Wert legt.

          Zu den jüngsten Unruhen im Kosovo Mitte März, bei denen 19 Personen getötet und mehrere tausend Serben von nationalistischen Albanern aus ihren Häusern vertrieben wurden, hat Gligorov nicht geschwiegen. "Entweder wird es ein multiethnisches Kosovo geben oder ethnische Säuberung. Es ist auch nicht völlig klar, ob dieses Problem durch die Unabhängigkeit des Kosovos gänzlich gelöst werden kann", so sagte Gligorov in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Sollten die politischen Führer der Kosovo-Albaner nach der möglichen staatlichen Unabhängigkeit des Kosovos eine Vereinigung mit Albanien anstreben, werde dies "wahrscheinlich" zu einem neuen Krieg auf dem Balkan führen. "Das freiwillige Abtreten von Territorium erwarte ich nicht", sagt Gligorov und fügt hinzu, daß der panalbanische Gedanke durchaus Bestand habe.

          Die Entwicklungen in der mehrheitlich von Albanern bewohnten Nachbarprovinz werden in Mazedonien nicht erst seit dem Luftkrieg der Nato gegen Milosevics Jugoslawien im Jahr 1999 mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Damals nahm der kleine Staat, dessen albanische Minderheit ein Viertel der Bevölkerung ausmacht, etwa 250000 Flüchtlinge aus dem Kosovo auf. Bei der slawischen Mehrheitsbevölkerung existierte jedoch schon vorher die Befürchtung, die "eigenen" Albaner planten, sich von Mazedonien loszusagen, um ihre Siedlungsgebiete an das Kosovo anzuschließen. Die führenden Politiker der albanischen Minderheit des Landes bestreiten, daß es solche Vorhaben gibt.

          Auch aus den vier Nachbarstaaten erwarten viele Mazedonier trotz einer politischen Entspannung in den vergangenen Jahren nicht unbedingt Wohlwollen. "Durch die Geschichte hindurch haben unsere Nachbarn behauptet, daß es ein mazedonisches Volk nicht gibt. Ein großer Teil der Serben ist der Auffassung, daß die Mazedonier letztlich Südserben sind. Aber ich kenne keinen Mazedonier, der sich als Südserbe bezeichnet", erklärt Gligorov das fragile Selbstbewußtsein seiner Landsleute. "Auch die Bulgaren sind der Meinung, daß wir einer gemeinsamen Wurzel entstammen und eigentlich Bulgaren seien. Und in der Propaganda der griechischen Kirche und einiger Politiker in Griechenland galt die Auffassung, daß alle Menschen bis zur Höhe von Skopje Griechen seien", sagt der Politiker, der 1917 in der ostmazedonischen Stadt Stip geboren wurde.

          Bis heute haben sich alle Regierungen in Athen geweigert, den mazedonischen Staatsnamen anzuerkennen, weshalb das junge Land den Vereinten Nationen 1993 nur als "Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien" beitreten konnte. "Es ist das Recht eines jeden Volkes, zu entscheiden, wie es seinen Staat nennt", kritisiert Gligorov die offiziell mit der Furcht vor mazedonischen Ansprüchen auf die nordgriechische Provinz Makedonien begründete Haltung Athens und zitiert die Aussage eines Diplomaten, der in Anspielung auf die Griechen den Vorschlag gemacht habe, die Vereinigten Staaten in "Ehemalige Kolonie Großbritanniens" umzubenennen. Auch den mitunter zu hörenden Vorschlag, das Land solle sich künftig "Zentralbalkanische Republik" nennen, lehnt Gligorov ab: "Wir sind weder zentralbalkanisch noch ehemaliges Jugoslawien, wir sind ein neuer Staat." In seiner eigenen Lebenszeit erwartet Gligorov in dem Namensstreit um sein Heimatland aber offenbar eine Einigung nicht mehr.

          Hoffnungen setzt der Staatsmann, der sich vor dreißig Jahren mit seinen Plänen für Wirtschaftsreformen im alten Jugoslawien unter Tito nicht durchsetzen konnte, dagegen auf das im März eingereichte Gesuch seines Landes, der Europäischen Union beizutreten. Etwa 80 Prozent der mazedonischen Bevölkerung seien für die Mitgliedschaft in der EU und auch in der Nato, sagt Gligorov. Sein Land habe sich in den neunziger Jahren trotz der damit verbundenen großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten an die Wirtschaftssanktionen gegen das Regime in Belgrad gehalten, was bei den westlichen Partnern des Landes positiv bewertet worden sei.

          "Man hat uns als eine Oase des Friedens bezeichnet und uns damals Versprechungen gemacht, daß wir bald Mitglieder der EU und der Nato werden können", erinnert sich Gligorov. Nun sei es an der Zeit, daß man sich auf diese Zusagen berufe und die Rolle Mazedoniens während der Kriege auf dem Balkan würdige.

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