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Morozov antwortet Lobo : Wir brauchen einen neuen Glauben an die Politik!

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Unsere unheilvolle technisch-politische Lage ist eine direkte Folge unserer unheilvollen intellektuellen Lage. Der Internetzentrismus ist schuld daran, dass man in weiten Teilen der westlichen Welt jede aktive Wirtschaftspolitik vor allem im Blick auf die wesentliche Informationsinfrastruktur aufgegeben hat, weil allzu viele von uns der Annahme erliegen, das Internet werde schon - ähnlich dem Markt - alles richten, während es die Welt miteinander verbindet. Aber diese Verbindung erfolgt nicht in neutraler Weise. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Welt zu vernetzen, und die Art, wie wir sie heute vernetzen, könnte sich auf lange Sicht als schädlich für die Demokratie erweisen.

Aus der Sicht der Wirtschaftspolitik ist das „Internet“ lediglich eine Erweiterung jenes Geredes vom freien Markt, das wir aus den Slogans der amerikanischen und britischen Neoliberalen wie dem von der angeblichen „Alternativlosigkeit“ kennen. Natürlich gibt es Alternativen, aber wir sehen sie deshalb nicht, weil „das Internet“ ganz wie „der Markt“ als autonome Entität mit eigenen Gesetzen und Regelmäßigkeiten dargestellt wird, die wir weder vorauszusagen noch vorauszusehen vermöchten, so dass wir uns ihnen nur anpassen könnten.

In gewisser Weise war die Entscheidung, zwei Jahrzehnte lang über das „Internet“ zu debattieren, zugleich eine Entscheidung, nicht über andere wichtige Dinge zu sprechen, von der Notwendigkeit, eine öffentliche Infrastruktur für das Informationsmanagement aufzubauen, bis hin zur Entwicklung digitaler Identitätssysteme, die nicht an soziale Netzwerke gebunden sind. Diese Gespräche galten als nutzlos, weil das „Internet“ angeblich zu komplex ist, als dass man es steuern könnte: ein komplexes, autonomes System, das „außer Kontrolle“ geraten sei - um den Titel von Kevin Kellys erfolgreichem Buch vom Beginn der neunziger Jahre zu zitieren - und sich selbst überlassen werden müsse, damit es sich selbst entwickelt. Es könne seine Probleme am besten selbst lösen.

Vielleicht gibt es ja wirklich eine vierte Kränkung der Menschheit, aber es ist nicht die, von der Sascha spricht. Diese Kränkung hat mit der Art zu tun, wie der technologisch-epistemische Apparat, den wir aus schlechter Gewohnheit weiterhin das „Internet“ nennen, alles in seinem Gefolge tilgt: Er schreibt die Geschichte einzelner Technologien und Protokolle neu, um sie in die großartige und sich weiter entfaltende Geschichte der „größten Erfindung der Weltgeschichte“ einzubauen; er gibt vor, es gäbe nur einen einzigen - programmatisch in Begriffen wie „Netzneutralität“ niedergelegten - Weg für den Betrieb unserer technologischen Infrastruktur, während Technologieunternehmen mit ebenso skrupellosen Zielen wie an der Wallstreet als wohlwollende Engel dargestellt werden, die nichts anderes wollten, als die Welt Klick für Klick zu verbessern. In der Folge verkümmert unsere Phantasie hinsichtlich der Infrastruktur so weit, dass wir uns nicht einmal mehr vorzustellen vermögen, wie wir unsere technologischen Angelegenheiten regeln könnten - und erst recht nicht, was wir tun müssten, um eine politische Agenda zu befördern, die zu Gerechtigkeit, überlegtem Handeln und dem Schutz der Privatsphäre beiträgt.

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