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Morozov antwortet Lobo : Wir brauchen einen neuen Glauben an die Politik!

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Nehmen wir nur einmal eine der unproblematischen Annahmen aus Saschas Artikel: Warum sollen wir annehmen, das „Internet“ sei ein stabiles und kohärentes Medium mit wohldefinierten Eigenschaften, die einen Vergleich mit anderen Medien ermöglichen? Sind die Eigenschaften durch physikalische Gesetze definiert, oder sind sie nur das Ergebnis irgendwelcher Kompromisse zwischen Unternehmen und Interessengruppen hinsichtlich technologischer Standards? Und falls sie das Resultat von Kämpfen mit sehr zufälligen und offenen Ergebnissen sind, die vielleicht nur deshalb verlorengingen, weil Unternehmen heute mächtiger als Bürger sind, verstecken wir dann nicht lediglich das Scheitern der Politik unter der unschuldig wirkenden Decke des Mediengeredes? Erklären wir das Unvermögen, in die wesentliche Informationsinfrastruktur zu investieren, nicht einfach nur weg, wenn wir es als natürliche Eigenschaft des „Internet“ betrachten? Wen wollen wir eigentlich mit diesen rhetorischen Ausflüchten täuschen?

Der Berliner Autor Sascha Lobo, Jahrgang 1975, zählt sich zur digitalen Bohème. Deren Manifest schrieb er 2006 mit Holm Friebe: „Wir nennen es Arbeit“. Seit dem Beginn der Spähaffäre wandelte sich sein Denken. In der F.A.S. vom 11. Januar beschrieb er die Enttäuschung, die den Enthüllungen der staatlichen Massenüberwachung folgte. Lobo ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien mit Kathrin Passig „Internet - Segen oder Fluch“.

Saschas Artikel zeigt, dass er nur den halben Weg gegangen ist. Sein Sinneswandel ist eher empirischer als ontologischer Natur. Er hat seinen früheren Cyberoptimismus gegen Cyberpessimismus eingetauscht und weist die deterministische Vorstellung zurück, wonach die digitale Technologie per saldo Faktoren begünstigt, die gut für Demokratie, geistige Auseinandersetzung und Ermächtigung sind. Viele seiner Kritiker scheinen allerdings nicht zu verstehen, dass diese Einstellung nicht mit der Überzeugung gleichzusetzen ist, alles an der digitalen Technologie sei automatisch schlecht.

Vielleicht ist „Cyberpessimismus“ hier nicht der beste Ausdruck. Eine bessere Bezeichnung für diese Einstellung wäre wohl „Cyberagnostizismus“. Als Ideologie zeichnet der Cyberagnostizismus sich durch die Weigerung aus, anzuerkennen, dass es eine festumrissene Vorstellung von den politischen Folgen digitaler Technologien geben müsse. Und der Grund für diese Weigerung ist einfach: Nicht Tools bestimmen eine Politik, sondern Systeme - die aus Tools, Ideologien, Marktanreizen und Gesetzen bestehen. Nach dieser Lesart ist Sascha nicht von der Technologie enttäuscht, sondern von der Tatsache, dass diese Technologie von einer unheiligen Allianz aus einigen Gespenstern in Washington und Venture-Kapitalisten in Silicon Valley für zynische Zwecke benutzt wird.

Das Internet als autonome Entität?

Hätte Sascha seine Kritik so formuliert, hätte ich ihm mit Freuden zugestimmt. Aber wenn er sich dem Cyberagnostizismus ergibt - und der düsteren Sicht, zu der ihn die Analyse der aktuellen Situation veranlasst -, zeigt er, dass er einem anderen intellektuellen Handikap erliegt: dem Internetzentrismus, wie ich ihn nennen möchte. Nur wenn wir den Internetzentrismus abschütteln, können wir zu jenem Paradigmenwechsel gelangen, der unsere ontologischen Grundlagen zu erschüttern vermag.

Internetzentrismus ist, kurz gesagt, die Vorstellung, dass allem, was im digitalen Bereich geschieht, eine kohärente Logik zugrunde liege - schon die bloße Existenz dieses Bereichs (der auch mit Begriffen wie „online“ oder „Cyberspace“ umschrieben wird) gehört zu den Grundüberzeugungen dieser Denkweise - und dass wir diese Logik akzeptieren müssten, weil sie wie die Logik der Märkte zu komplex sei, als dass wir Menschen sie verstehen könnten.

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