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Moderne und Gegenwartskunst : Von Gerhard Richter lernen, wie man lacht

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Thomas Demands „Flügel (Grand Piano)“, 1993/2005, geschätzt auf 60.000 bis 80.000 Euro Bild: Lempertz

Die Auktionshäuser Van Ham und Lempertz treten traditionell Ende Mai mit Moderne und Gegenwartskunst an. In diesem Jahr gibt es einige Überraschungen, die man so in Köln noch nicht gesehen hat. David stiehlt Goliath die Schau.

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          Man darf sich wundern, was für einen Sprung Van Ham in Köln gemacht hat. Das auffälligste Angebot an Gegenwartskunst kommt in diesem Frühjahr aus dem Süden der Stadt: Die Gesamtschätzung beträgt 4,3 Millionen Euro, zusammen mit der Moderne sind es 5,5 Millionen. Doch Taxen sind Hoffnungen und erst am 28. Mai wissen wir, ob sie sich bewahrheiten. Das ambitionierte Haus, das Anfang September seinen Anbau einweiht, versammelt 220 Lose der Gegenwart. Jüngste Erfolge mit Gerhard Richters „Alpenlandschaft im Winter“ und Zero-Kunst haben Kunden angelockt, die sich nicht Millionenbeträge wünschen, aber doch sichtbare Steigerungen im fünfstelligen Bereich.

          Gerhard Richters „Rot-Gelb-Blau“-Vermalungen aus dem Jahr 1973 erzielten bei Van Ham 400.000 Euro (480.000/680.000).
          Gerhard Richters „Rot-Gelb-Blau“-Vermalungen aus dem Jahr 1973 erzielten bei Van Ham 400.000 Euro (480.000/680.000). : Bild: Van Ham

          Ein Ensemble aus sechs Richter-Bildern kommt aus Berlin: Je 26,4 mal 53,3 Zentimeter groß sind die „Rot-Blau-Gelb“-Vermalungen von 1973, die als Einheit funktionieren, aber einzeln ersteigert werden müssen (Taxen je 80.000/120.000 Euro). Von Künstlern des Zero, Informel & Co kommen ganze Reihen zum Aufruf: Uecker ist mit anspruchsvollen Nagelbildern vertreten; der „Sturz“ von 1987 (150.000/200.000) fordert das Auge heraus, die „Aggressive Reihung“ huldigt der Ordnung, die „Diagonale Struktur“ (je 60.000/80.000) stellt sich quer. Von Otto Piene und Heinz Mack sind ebenfalls Arbeiten aller Jahre aufgeführt (4000 bis 70.000). Geigers frühes Gemälde „Bild E III“ von 1952 ist hier auch Stellvertreter für späte leuchtende Bilder (60.000/ 80.000). Und Polkes Mischtechnik auf Leinwand von 1993 für 50.000 bis 70.000 Euro war noch nie auf dem Markt. Nach so viel abstrakter Kunst erholt sich der Blick bei Walter Dahns 2,5 Meter großem, quadratischen Gemälde ohne Titel von 1987 mit Löwenkopf, Adler, Waage und Kreuz (8000/12.000). Die Metall-Skulptur eines doppelköpfigen Adlers von Baselitz soll 80.000 bis 120.000 Euro bringen, Calders „Wood-piece“ von 1952, ein Ast in Henkelform, 20.000 bis 30.000 Euro.

          Max Liebermanns „Rote und weiße Blumen nach Südosten“ von 1925, geschätzte auf 220.000 bis 250.000 Euro
          Max Liebermanns „Rote und weiße Blumen nach Südosten“ von 1925, geschätzte auf 220.000 bis 250.000 Euro : Bild: Lempertz

          Mit diesem Programm wird Van Ham neue Türen öffnen. Die Moderne aber ist wesentlich schwächer besetzt. Zwei interessante Bilder müssen genannt werden: Feiningers Gemälde „Nachglühn II“ von 1948 (100.000/150.000) und Liebermanns „Reiter am Strand nach links“ von 1908, der 1911 bei Helbing in München auftauchte, 1914 aber wieder im Besitz von Liebermann war (80.000/120.000).

          Auch Lempertz wird in der Moderne und Gegenwart am 30. und 31. Mai Schätze freilegen. Die Gesamttaxen liegen bei je 3,5 Millionen Euro. Ueckers „Weißes Feld“ von 1995 führt seine Wellen zur Perfektion (200.000/250.000). Lüpertz, der zurzeit in Berlin das Grundgesetz künstlerisch interpretiert, ist mit sechs Pietrasanta-Bronzen unter den Spitzenlosen vertreten (250.000/300.000). Freude machen Polkes extrem gut erhaltene Zeichnungen aus der Serie „Höhere Wesen befehlen“ (80.000/120.000; dazu gehören noch 14 Drucke). Von genialer Leichtigkeit sind drei Zeichnungen einer Frau mit Bubikopf, die Gerhard Richter 1966 beim Lachen dokumentiert haben soll. Es gibt allerdings nur eine „mündliche Bestätigung“ vom Atelier des Künstlers (30.000/ 40.000). Der Blick in den Sternenhimmel von Thomas Ruff und auf Thomas Demands „Flügel (Grand Piano)“ muss mit je 60.000 bis 70.000 Euro belohnt werden.

          Sigmar Polkes Mischtechnik auf Leinwand aus dem Jahr 1993, geschätzt auf 50.000 bis 70.000 Euro, brachte Van Ham 300.000 Euro.
          Sigmar Polkes Mischtechnik auf Leinwand aus dem Jahr 1993, geschätzt auf 50.000 bis 70.000 Euro, brachte Van Ham 300.000 Euro. : Bild: Van Ham

          Beim Angebot mit Moderne ist Lempertz, zumindest in Köln, Platzhirsch. Doch die Akquise scheint schwierig. Liebermanns „Rote und weiße Blumen nach Südosten“ von 1925 (220.000/250.000) ging ein Vergleich mit den Erben des Künstlers voraus. Es ließ sich belegen, dass sich das Gemälde im Besitz von Martha Liebermann befunden hat. Ein positives Signal ist diese Einigung allemal. Gute Stimmung herrscht auch bei zwei tanzenden Frauen auf einem Aquarell von Nolde (120.000/ 130.000), das passend „Freude“ heißt. Die Datierung bleibt schwammig: nach 1945. Ein „Maschinen“-Bild von Willi Baumeister entspricht im Ausdruck gar nicht seiner Farbe Grau, sondern ist von bescheidener Eleganz (45.000/50.000). Den Augenblick kurz vor dem Kuss hält Picabia in seiner Kreidezeichnung „Deux visages“ um 1938 fest (25.000/35.000).

          Bei Van Ham und Lempertz lassen sich besonders im vierstelligen Bereich noch Entdeckungen machen. Die Eine-Million-Marke scheint bei beiden fern; aber wer weiß, welche Bieterobsessionen aufeinandertreffen - und dann noch für Überraschungen sorgen.

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