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Moderne Kunst : Eine schöne Bescherung in München

  • -Aktualisiert am

Max Pechsteins „Lotte mit Kopftuch“ zieht in den Norden um für 950.000 Euro, mit Aufgeld sind das 1,14 Millionen Euro. Bild: Ketterer

Ketterer knackt bei seinen Auktionen mit moderner Kunst die Eine-Million-Marke: mit einer schönen Frau.

          Es war das reinste Max-PechsteinFestival: Sage und schreibe zwölf Arbeiten des Brücke-Künstlers hatte Ketterers Auktion mit moderner Kunst in der Offerte, sie fuhren die beiden Spitzenpreise ein und provozierten immer wieder heftige Bietgefechte. Doch dann ging ausgerechnet Pechsteins Selbstporträt zurück, auf dem er sich pinselschwingend und mit der unvermeidlichen Pfeife im Mund zeigte. Die erste Erfolgsspur hatte ein Postkärtchen gelegt: 1910 mit einer bunten Tanzcafészene bemalt, überstieg es mühelos die Obertaxe von 18 000 Euro und wechselte für 46 000 Euro in deutschen Handel. Doch war das nur ein kleiner Klacks, verglichen mit zwei Ölbildern, die von des Malers Lieblingsmodell und späteren Ehefrau handeln: „Lotte mit Kopftuch“ nahm ein norddeutscher Sammler für 950.000 Euro, mit Aufgeld kostet sie ihn 1,14 Millionen Euro (Taxe 600.000/800.000); für 64 000 Euro (30.000/40.000) kaufte er auch noch Pechsteins Aquarell „Fischerhafen in Leba“. „Schrei am Meer“ zeigt Pechsteins Lotte und Sohn Frank 1919 unbekleidet und unbeschwert am Strand von Nidden. Ein Etikett belegt den kurzen Aufenthalt des Bilds in der Galerie Flechtheim vor 1921; Wolfgang Gurlitt hatte es bis 1923 in Kommission, bevor wohl der Künstler selbst es Sammlern im Raum Bonn veräußerte, zuletzt bewahrte es das Bonner Kunstmuseum als Leihgabe. Die wasserdichte, auch vorsorglich interessierten Restitutionsanwälten unbedenklich erscheinende Provenienz gab den Weg frei. Aufgerufen bei 700.000 Euro, fiel der Hammer bei 1,25 Millionen Euro zugunsten eines Unternehmers in Süddeutschland.

          Der Umsatz liegt bei sechzehn Millionen Euro

          Die Resonanz auf das sechs Kataloge füllende Angebot fiel rege aus und kaufkräftig: 75 Prozent verkaufte Lose ergaben einen Umsatz von sechzehn Millionen Euro mit Aufgeld. Die dicksten Beiträge bescherte die Klassische Moderne. So fand gleich das erste Los der Hauptauktion, Max Klingers kauernder Athlet, das Gefallen eines Skulpturensammlers, der mit 110.000 Euro die Schätzung für die lebensgroße Bronze akzeptierte. Auch Gabriele Münter mischte weit oben mit. Zwar floppten ihre „Wege ins Moos“, doch schaffte es der letztes Jahr in Berlin erfolglose „Blaue Kegelberg“ auf 240.000 Euro (140.000/180.000), und „Blumen vor blauschwarzem Grund“ verdoppelten die untere Taxe auf 105.000 Euro. Ein abstraktes Aquarell Kandinskys von 1915 verbuchte erwartete 190.000 Euro, und im Schlagabtausch um André Lhotes fauvistisch farbsubtiles „Portrait d’une femme“ siegte ein Münchner Sammler bei 52 000 Euro (30.000/40.000). Das durch den seit Jahren schwelenden Streit um Schlemmers Erbe extrem verknappte Angebot ließ seine „Figur auf grauem Grund“ umso schöner glänzen. Den Run auf den Wandmalereientwurf aus der Bauhaus-Zeit für das Folkwang-Museum konnte ein süddeutscher Sammler erst bei 410.000 Euro (240.000/280.000) für sich entscheiden. Auch „Börsenspekulanten“ von 1923, ein Dix-Blatt, kritisch zugespitzt, wie man es liebt, verdoppelten das Preisziel dank internationalem Ansturm auf 240.000 Euro. Überraschter verfolgte man die Karriere zweier Arbeiten von Karl Hermann Trinkaus, Absolvent des Dessauer Bauhauses und in den frühen dreißiger Jahren Schöpfer zeitkritischer Collagen: Finale Gebote aus dem britischen Handel über 75.000 Euro für „Das große Spiel“ und 32 000 Euro für „Zeppelin“ stempelten die Taxen von rund 5000 und 1500 Euro zu glatten Irrtümern. Bewerber aus fünf Ländern überließen einem Franzosen Yves Tanguys 1938 in Öl gemalte surreale Wüste bei 250.000 Euro (100.000/ 150.000). Picabias 1946 ersonnene archaische Zeichen von „Mains et fantômes“, verkauft für 100.000 Euro (bis 90.000), schleuste dann hinüber zur Kunst nach 1945.

          Die Erwartung wurde verdoppelt

          Hier triumphierte der demnächst hundertjährige Karl Otto Götz, als ein deutscher Sammler dem Rakelbild „Brien-Eleven“ von 1947 mit 140.000 Euro glattweg doppelte Untertaxe zugestand. Exzellente Steigerungen gelang Zero-Kunst von Piene, Mack - und, einmal mehr ganz vorn - Günther Uecker: Zu „Poetische Reihe, Sylt“ komponiert, begeisterte seine Nagelei internationale Interessenten und entschwand für 145.000 Euro (50.000/70.000) in die französische Schweiz; nach England reist ein Nagelfeld von 1994 für 125.000 Euro (um 60.000). Um Baselitz’ „Abgarkopf“ von 1984 buhlten telefonische und schriftliche Aufträge, bis Robert Ketterer ihn für 370.000 Euro einer süddeutschen Sammlung zuschlug (250.000/350.000). Dass eines der sogenannten Bleibilder von Günther Förg 54 000 Euro erzielte (28 000/ 34 000), spiegelte, zwei Tage nach seinem Tod, das hohe Ansehen dieses Künstlers. Über mangelnde Anerkennung kann auch Daniel Richter nicht klagen, sein „Irren, menschlich?“, eine graphische Abstraktion in Schwarzweiß, kletterte von 50.000 auf 105.000 Euro.

          Alten Meistern und Kunst des 19. Jahrhunderts galt die Novemberauktion, deren Topzuschlag ausnahmsweise, doch nicht unerwartet, auf Druckgraphik entfiel. Auf die „Caprichos“, Goyas berühmte Folge hochsatirischer Aquatintaradierungen. „Wer die Caprichos jemals vor sich hatte, wird sie nie wieder vergessen: immer der beste Prüfstein für echte Kunst“, was Richard Oertel 1907 schrieb, trifft es bis heute. Als Exemplar der Erstausgabe von 1799 und aus einstigem Besitz Rolf Linnekamps zog es für 160.000 Euro (bis 150.000) erneut in eine deutsche Privatsammlung. Zwanzig Telefone, Saal- und Auftragsbieter stritten um Maurice Denis’ Ölskizze „Dans la Forêt . . .“, eine Vorarbeit für das Monumentalgemälde „Jeu de volant“, der das siegreiche amerikanische Gebot von 80.000 Euro (15.000/20.000) Platz zwei des Tages sicherte. Ebenfalls nach Amerika entschwand das Anemonen als „Geburtstagsblumen“ überreichende Äffchen von Gabriel von Max für 33 000 Euro (10.000/15.000).

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