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Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne : Logik des Barbarischen

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Überlebt! Aufnahmelager in Güstrow im Sommer 1945 Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Die ethnischen „Säuberungen“, die Michael Schwartz in seinem wichtigen Buch schildert, waren nicht nur Ausdruck eines rassistischen Reinlichkeitswahns, sondern auch einer bürokratischen Machbarkeitsvision.

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          Es ist ein beklemmendes Bild, das Michael Schwartz in seinem weit ausgreifenden Buch entwirft. Ein Bild der Moderne, unzweifelhaft. Aber ein Nachtstück. Ein Albtraum. Denn die ethnischen „Säuberungen“, von denen hier die Rede ist, waren nicht nur Ausdruck eines rassistischen Reinlichkeitswahns. Sie verweisen zugleich auf eine bürokratische Machbarkeitsvision, die Mensch und Welt übergeordneten Regeln unterwerfen wollte. Mit ihrem Anspruch, totale Lösungen radikal umzusetzen, wurden ethnische „Säuberungen“ zu einem abschreckenden Instrument des Totalitären. Und schon Zygmunt Bauman hat darauf hingewiesen, dass es sich beim modernen Völkermord keineswegs um einen „unkontrollierten Gefühlsausbruch“ handelt, sondern um eine „Übung in Sozialtechnologie“.

          Wie planvoll diese Übung entwickelt war und wie monströs ihr Resultat ausfiel, zeichnet Schwartz in aller Ausführlichkeit nach. Schwartz, bislang vor allem mit Arbeiten zur Vertriebenenpolitik in der Bundesrepublik und der DDR hervorgetreten, legt eine Gesamtsicht ethnischer „Säuberungen“ im 19. und 20. Jahrhundert vor, die er stringent als Ausdruck nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik analysiert. Der Bogen ist weit gespannt. Er reicht von den kolonialen Genoziden und Deportationen um 1900, beispielsweise in Südwestafrika und auf den Philippinen, bis zu den national-religiös motivierten Massakern in Indien 1947, von den „Säuberungen“ der frühen Siedlergesellschaften in Amerika und Australien bis zum Nahost-Konflikt der Gegenwart.

          Angesichts einer solch erdrückenden Materialfülle versteht es sich von selbst, dass nicht alle Aspekte gleichermaßen entfaltet werden können. Dies hängt auch damit zusammen, dass der Begriff der ethnischen „Säuberung“, allen Definitionsversuchen zum Trotz, nicht sonderlich präzise ist. Dass sich Gewaltexzesse planvoll und vorsätzlich ereignen, ist im Einzelnen schwer nachweisbar. Vielfach gehören sie in die „Grauzone zwischen Vertreibung und Völkermord“. Sie vollständig zu durchmessen ist kaum möglich, und wo die Studie es dennoch versucht, tendiert sie zum Handbuch. In der Regel setzt Schwartz jedoch geschickt einzelne Akzente. Das gilt zum einen für die „frühen Lernorte“, vor allem auf dem Balkan, wo seit dem frühen 19. Jahrhundert Nationalisierung und ethnische „Säuberung“ unheilvoll Hand in Hand gingen. Zum anderen gilt dies für den Ersten Weltkrieg, in dessen Gefolge nicht nur die koloniale Gewalt „nach Hause“ zurückkehrte, sondern gleich mehrere Volksgruppen zu Opfern von Willkür und Gewalt wurden: Armenier („genozidale Deportation“) ebenso wie Griechen („Deportation ohne Genozid“) und Juden („verhinderte Deportation“). Vor allem aber gilt dies für die rassistische Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik des nationalsozialistischen Regimes, in besonderer Weise für den Judenmord.

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