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Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne : Logik des Barbarischen

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Natürlich dürfen die Deportationen in der stalinistischen Sowjetunion in diesem Tableau des Terrors nicht fehlen. Und erwartungsgemäß widerlegt Schwartz einmal mehr auch den sozialistischen Mythos von der „ordnungsgemäßen und humanen Umsiedlung“ in Osteuropa nach 1945. Insgesamt wird hier ein großes Gespür für die Brüche im Umgang mit ethnischen „Säuberungen“ sichtbar, freilich auch eine gewisse Lust, sie pointiert aufzuspüren, zumal wenn es um die Vertreibung der Deutschen geht. So weist Schwartz etwa darauf hin, dass sich die Tschechische Republik zwar „beharrlich weigert, die 1945 vom Vorgängerstaat Tschechoslowakei erlassenen Dekrete zur Ausbürgerung, Enteignung und Vertreibung der deutschen und ungarischen Minderheiten für ungültig zu erklären“, die Nato-Militärintervention gegen die Vertreibung der Kosovo-Albaner durch Serbien 1999 jedoch vorbehaltlos „mitgetragen und damit diese Vertreibung als Unrecht gebrandmarkt“ hat.

Wer dem Abgrund entrinnen will, muss ihn genauestens ausloten. Die Sondierungen, wie sie Schwartz durchführt, lassen Ergebnisse zutage treten, die nachdenklich stimmen. Zu Recht betont er beispielsweise, dass der umfangreiche Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, wie er 1923 im Vertrag von Lausanne geregelt wurde, nicht zuletzt ein Werk zweier demokratischer Staaten war, Frankreichs und Großbritanniens. Und dass Churchill wie Roosevelt ihre Handlungsoptionen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Wesentlichen aus der Erfahrungswelt von Lausanne bezogen. Insofern bildeten die ethnischen „Säuberungen“ tatsächlich nicht nur eine dunkle Seite der Moderne, sondern auch die Schattenseite der Demokratie, wie es der amerikanische Soziologe Michael Mann einmal formuliert hat.

Erhellend ist zudem der Ansatz, ethnische Konflikte immer auch als Verteilungskämpfe zu verstehen, in denen nicht allein um Vorstellungen von Nation und Rasse, sondern um Eigentum und soziale Positionen gestritten wird. Und weiterführend erscheint schließlich auch der Versuch, den Rollenwechsel zwischen Opfern und Tätern verstärkt in den Blick zu nehmen und dem Phänomen der generationellen Übertragung größere Aufmerksamkeit zu widmen.

Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass manche Utopien besser nie Wirklichkeit werden. „Für jeden dieser Gewaltakte“, so heißt es an einer Stelle, gab es „Verantwortliche, namentlich in Politik, Verwaltung, Militär und Wissenschaft. Keine Entscheidung war alternativlos. Doch jede erfolgte mit dem Anspruch, unvermeidlich zu sein, durch vorübergehende Härten eine dauerhaft bessere Welt zu schaffen und die Vertreibungsgewalt dabei zunehmend auf ,ordentliche und humane‘ Weise in die Tat umzusetzen.“ Michael Schwartz’ vergleichende Studie ist kein Buch, das man genüsslich liest. Der Zugriff ist mitunter sperrig, die sprachliche Umsetzung blass, die Lektüre mühsam. Und doch ist dies ein wichtiges Buch: der schonungslose Spiegel einer anderen Moderne. Ein Lehrstück über die Logik des Barbarischen - und die Verführbarkeit des Menschen.

Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Oldenbourg Verlag, München 2013. 694 S., 69,80 €.

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