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: Meier wehrt sich - BVB ist kein Steuersünder

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FRANKFURT. Michael Meier ist empört. Den Manager des Bundesligaspitzenklubs Borussia Dortmund ärgert, daß einige der deutschen Politiker den Weg des BVB, Teile der Zahlungen an die Spieler über Nacht- und Feiertagszuschläge abzuwickeln, an den Pranger stellen.

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          FRANKFURT. Michael Meier ist empört. Den Manager des Bundesligaspitzenklubs Borussia Dortmund ärgert, daß einige der deutschen Politiker den Weg des BVB, Teile der Zahlungen an die Spieler über Nacht- und Feiertagszuschläge abzuwickeln, an den Pranger stellen. "Es ist für mich unverständlich", sagt das Vorstandsmitglied des börsennotierten Fußballunternehmens, "wie man hier exemplarisch ein erlassenes Gesetz willkürlich dehnen und interpretieren will - und das auf der moralischen Ebene. Das ist für mich ungerecht, ja, sogar eine Sauerei." Meier bezieht sich auf den Paragraphen 3b des Einkommensteuergesetzes, in dem die Frage der steuerfreien Zuschläge für Nachtarbeit (von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens) und Sonn- und Feiertagsarbeit geregelt sind. Diese einzuberechnen, um das nominelle Bruttogehälterniveau bei gleichbleibenden Nettolöhnen für die Spieler senken zu können, hat eine Beratungsgesellschaft den Vereinen der Bundesliga seit Jahresbeginn empfohlen. Borussia Dortmund ist, nach Erkenntnissen dieser Zeitung in Abstimmung mit der örtlichen Finanzbehörde, der erste Bundesligaklub, der sich dazu bekennt, die Vorteile der Steuerfreiheitsrabatte für Spätdienste und Feiertagsschichten am Ball genutzt zu haben.

          Fachleute, die sich in den Details der komplexen Steuergesetzgebung auskennen, schätzen das bei den Bruttogehältern für die Profis definierbare Sparpotential auf zehn bis 15 Prozent. Je mehr ein Verein national wie international beschäftigt sei, je besser. Steuerfreiheitszuschläge von 25 Prozent bei der Nacht- und 50 Prozent bei der Sonntagsarbeit können bei Abendspielen, Sonntagsbegegnungen, Sonntags- oder Abendtraining und bei Trainingslagern geltend gemacht werden. Den Steuervorteilsnehmern aus der Bundesliga begegnen Politiker wie der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) mit scharfen Kommentaren, nach denen ein "eklatanter Mißbrauch einer Regelung" vorliege, "die für hart arbeitende Bürgerinnen und Bürger geschaffen wurde". Was der Nachtschwester recht, sei auch seinen hochbezahlten Profis billig, sagt Meier, der sich "nicht von den Politikern dieser Welt und auch nicht von Uli Hoeneß sagen lassen will, daß unsere Spieler nicht hart arbeiten". Hoeneß, Meiers Managerkollege beim deutschen Meister Bayern München, hatte gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" hervorgehoben, daß "dieses Gesetz oder diese Lücke nicht für Fußballspieler oder Großverdiener gemacht worden ist, sondern um kleinen, einfachen Leuten Vorteile zu verschaffen, wenn sie schon nachts arbeiten".

          Eine Ansicht, der im Grundsatz wohl auch Meier nicht widersprechen würde. Weil sie Skrupel haben, mit Hilfe von Steuerfreiheitszuschlägen weniger Gehalt zahlen zu müssen, zögert das Gros der Bundesligaklubs, die Segnungen des Paragraphen 3b in Anspruch zu nehmen - von denen Vereine der Deutschen Eishockey Liga oder der Basketball- und Handball-Bundesliga längst rege Gebrauch machen. Manfred Müller, Marketingvorstand des SV Werder Bremen, ist indes nicht bereit, aus "moralischen Gründen" nichts zu tun, wenn immer mehr Vereine Spielergehälter mit Nacht- und Sonntagszuschlägen ausstaffieren. "Wir wollen keine Wettbewerbsverzerrung", sagt Müller, "so daß sich zwei oder drei Klubs, die das machen, dann mehr Spieler erlauben können." Werder hält im Moment aber still, auch um abzuwarten, wie die Politik auf den Schachzug des Profifußballs reagiert.

          Aus den Äußerungen Stoibers, aber auch des stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Poß, liest Müller eine Tendenz zur Gesetzesnovellierung ab. So hatte der Finanzfachmann Poß gesagt: "Wenn sich herausstellen sollte, daß die Praxis der Borussia und möglicherweise auch anderer Vereine von den Finanzämtern akzeptiert werden muß, wird sich der Gesetzgeber überlegen müssen, diese steuerlichen Spielräume enger zu machen." Sogenannte Deckelungen sind im Steuerrecht nicht unüblich, und deshalb ist es auch in diesem Fall denkbar, daß der Gesetzgeber eine Einkommensobergrenze beschließt, von der an die fiskalischen Segnungen der Nacht- und Feiertagsarbeit nicht mehr in Anspruch genommen werden können.

          Solange das aber nicht der Fall ist, hält Meier den Politikern "blanken Populismus" vor, wenn sie sich so wie etwa Stoiber oder dessen rheinland-pfälzischer Ministerpräsidentenkollege Kurt Beck (SPD) äußern ("Ich kann Bundesliga-Manager und Spielermillionäre nur dringend ermahnen, die Verbindung zu den normalen Menschen nicht völlig zu verlieren"). Der Dortmunder Kaufmann Meier hebt dagegen lieber hervor, daß sein Klub per annum rund 30 Millionen Euro Steuern an den Fiskus abführe. "Ich finde es sehr ungerecht, wenn Leute wie wir in die Nähe derjenigen gerückt werden, die Steuern hinterzogen haben. Ein Michael Schumacher zahlt überhaupt keine Steuern in Deutschland."

          Meier plädiert auch in Zukunft für "Gleichbehandlung vor dem Steuergesetz" und wird damit nicht in jeder einzelnen Frage auf Zustimmung stoßen. "Wer ist eigentlich derjenige, der über Moral befindet", fragt sich der wütende Dortmunder Manager und fügt streitlustig hinzu: "Ich muß mich doch auf dem Boden des Gesetzes bewegen dürfen." Nicht alle Gesetze aber sind im Lichte von Recht und Gerechtigkeit für die Ewigkeit gemacht. Steuergesetze, wie die Erfahrung zeigt, schon gar nicht.

          ROLAND ZORN

          "Ich finde es sehr ungerecht, wenn Leute wie wir in die Nähe derjenigen gerückt werden, die Steuern hinterzogen haben. Ein Michael Schumacher zahlt gar keine Steuern in Deutschland."

          Der Dortmunder Manager Michael Meier

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