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Matthias Behr : Ein tödlicher Stich und viele Wunden

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Wie der Fechter Matthias Behr den Unfall von Wladimir Smirnow verarbeitet.

          "Ob es an einem Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag war, das weiß ich nicht mehr."

          Es war ein Montag, der 19. Juli 1982. Matthias Behr, Florettfechter aus Tauberbischofsheim, hat einen schwachen Einzelwettkampf bei den Weltmeisterschaften in Rom hinter sich gebracht; ist in der Runde der letzten 24 hängengeblieben. Er ficht mit einem Korsett zur Stabilisierung des Rückens nach einer Bandscheibenoperation. Erst zwei Wochen vor Beginn der Titelkämpfe ist er nach einer intensiven Rehabilitation in das Training eingestiegen - erfolgreich: Nach den ersten Ergebnissen wollte der Deutsche Fechterbund nicht auf ihn verzichten.

          "Das hätte ja auch alles anders laufen können. Also: ich wäre nicht dabeigewesen, es wäre alles nicht passiert."

          Doch es passiert: An diesem Montag stehen sich die deutschen und die russischen Florettfechter im Viertelfinale des Mannschaftskampfes gegenüber. Auf der einen Seite der Planche Wladimir Smirnow, der beste Florettfechter der Welt, Olympiasieger 1980 im Einzel und mit der Mannschaft, Weltmeister 1981 im Einzel und mit der Mannschaft; 28 Jahre alt, 1,84 Meter groß.

          "Er war eine Hausnummer im Fechten, ein großer Fechter, ein eleganter Fechter, schön anzuschauen. Man hat sich gefreut, wenn man nicht unbedingt gegen ihn kam. Ich weiß noch, wie toll er bei der WM in Lyon 1981 gefochten hat und dann auch Weltmeister wurde, ein Jahr nach dem Olympiasieg in Moskau. Es war eine Augenweide, ihm zuzuschauen."

          Wladimir Smirnow gegenüber steht Matthias Behr, Mannschafts-Olympiasieger 1976; ein Jahr jünger als sein Gegner, zehn Zentimeter größer. Beide sind athletische Fechter, wiegen um die achtzig Kilo. Sie starten einen gleichzeitigen Angriff, eine "Attaque simultanée". Beide Fechter versuchen, an der von ihnen in Sekundenbruchteilen zuvor ausgewählten Stelle am Körper des Gegners einen Treffer zu setzen - ein Zurück, ein Umdenken gibt es nicht. Behr trifft Smirnow, den Linkshänder, im oberen Brustbereich. Die neunzig Zentimeter lange Klinge bricht ab, wird in der Hand des Fechters zur unbeherrschbaren Waffe.

          "Ein Geschoß. In dem Moment, wo die Klinge abbricht, hast du keine Möglichkeit mehr, sofort zu reagieren und zu gucken, wie geht es weiter. Du hast eine abgebrochene Klinge in der Hand, und natürlich besteht da überhaupt keine Absicht, den Gegner zu verletzen. Du willst aus dem Fechtgeschehen raus, aber durch den Aufprall kommt noch ein weiterer Schub - und diesen Moment merkst du gar nicht."

          Die Waffe des Matthias Behr ist in der Vorwärtsbewegung nicht mehr zu kontrollieren. Sie durchdringt die Maske von Wladimir Smirnow, das poröse Gitter, dringt ins Auge des Russen, verletzt sein Gehirn. Smirnow bricht zusammen, liegt auf dem Boden. Kampfrichter, Trainer, Mannschaftskameraden bemühen sich um ihn, ein Arzt wird gerufen. Für einen Moment starrt Matthias Behr wie gelähmt auf die Szene.

          "Ich habe mein Florett in der Hand, blutverschmiert."

          Mehr als zwanzig Jahre später stockt sein Redefluß beim Versuch, in der Erinnerung die Ereignisse zu greifen. Doch er sieht immer nur das eine Bild.

          "Ich habe gemerkt, daß ich durch die Maske durch war. Die Maske soll das Gesicht, den Kopf schützen - und da gibt es dann keine andere Bewertung der Situation. Ich habe auch sehr schnell das Bedürfnis gehabt, die Planche zu verlassen. Weil ich das einfach nicht sehen wollte, nicht sehen konnte und das Schlimmste befürchtete. Allerdings natürlich nicht gleich die Folgen, daß er nicht mehr aufwacht oder tot ist."

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