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Marianne Werefkin : Sie war der Kopf des Blauen Reiters

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Marianne Werefkins „Mondnacht“, 1909/10 Bild: Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

Wie kam es, dass selbstbestimmte Künstlerinnen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts sich zurückstellten und den Karrieren der Männer dienten? Eine neue Ausstellung zeigt, ohne Jammern und Klagen, den Lebensweg der russischen Malerin Marianne Werefkin auf.

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          Wer waren eigentlich Maria Marc oder auch Elisabeth Epstein? Sie waren Malerinnen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die ihre größte Schaffenskraft in den Jahren um 1910 erreichten. Berühmt wie ihre Zeitgenossen und meist auch Lebenspartner, etwa Franz Marc, sind sie nicht. Inzwischen werden sie jedoch nach und nach wiederentdeckt, wie Natalie Gontscharowa oder Gabriele Münter - Ausstellung nach Ausstellung, Buch um Buch, Film für Film. In der Frankfurter Kunsthalle Schirn ist für das kommende Jahr beispielsweise eine Schau zu den Künstlerinnen der Berliner Galerie Sturm von Herwarth Walden geplant.

          Viel wurde schon darüber diskutiert, geforscht, spekuliert, wie es dazu kam, dass diese eigentlich selbstbestimmten, alles andere als geduckten Frauen des Expressionismus den Karrieren der Männer dienten, sie groß machten und sich selbst massiv einschränkten. Sind die Männer schuld? Wassily Kandinsky schrieb: „Der Blaue Reiter - das waren zwei: Franz Marc und ich.“ Oder lag es an den Frauen? Marianne Werefkin, die Lebensgefährtin von Alexej Jawlensky, bekennt: „Ich trennte mich von allem. Damit er nicht auf mich als Künstler eifersüchtig sein sollte, verbarg ich vor ihm meine Kunst.“ Doch die Kritik am Verzicht oder mangelndem Mut ist hier fehl am Platz. Denn alle diese Frauen haben weitaus mehr erreicht, als ihnen von den Zeitgenossen zugetraut wurde - davon zehren ihre Nachfolgerinnen bis heute.

          Die geheimnisvolle „Nonna“ von Ascona

          Wie dies geschah, zeigt exemplarisch eine Ausstellung in Bietigheim-Bissingen in der Nähe von Stuttgart, die sich der russischen Malerin und Kunsttheoretikerin Marianne Werefkin (1860 als Marianna Wladimirowna Werefkina in Tula geboren, 1938 in Ascona gestorben) widmet. Sie stellte ihre Kunst freiwillig in den Schatten Jawlenskys, aber die neue Werkschau weint nicht um die „unglückliche Werefkin“, die inzwischen ein kuratorisches Klischee ist, wiederholt nicht die Leier der Verlassenen, von der Jawlensky sich abwandte, um mit dem Hausmädchen einen Sohn zu zeugen. Die Galerie erzählt vielmehr die Geschichte einer Künstlerin, die sich von Rückschlägen (auch einem frühen Jagdunfall, der ihre Hand fast zerstörte) von einem Weg nicht abbringen lässt, zu dem eben auch der selbstbeschlossene Malverzicht vor 1906 gehört. Der Besucher reist mit Hilfe von Gemälden, Skizzenbüchern, theoretischen Schriften, Fotos und Dokumenten von ihren ersten noch verwöhnten Versuchen als privilegiertes Kind und Privatschülerin des Traditionalisten Ilja Repin in Sankt Petersburg nach München-Schwabing, wo „die Baronin“ ihr Haus zum Treffpunkt der Expressionisten machte und sich selbst zur entscheidenden Figur der Künstlergruppe Blauer Reiter.

          Marianne Werefkins „Nach der Vorstellung“, um 1907 Bilderstrecke
          Marianne Werefkins „Nach der Vorstellung“, um 1907 :

          Fotos zeigen Marianne Werefkin in der Ausstellung als eine zierliche, geistreiche Frau mit großen dunklen Augen. Sie war zur angeblichen Geburtsstunde der Abstraktion 1908 mit Jawlensky, Kandinsky und Münter in Murnau und gehörte zur wichtigen Sturm-Galerie von Herwarth Walden in Berlin. Und sie schrieb auf, was Kandinsky wenige Jahre später als seine Erfindung verbuchte. „Als er sein Buch über das ,Geistige in der Kunst‘ schrieb, dürfte er mehrfach dissonante Bilder Werefkins - und auch deren Erläuterungen - vor Augen gehabt haben“, schreibt Bernd Fäthke im Katalog - „Mehr als bisher angenommen wird Kandinsky der Baronin zu verdanken haben.“ Sie habe schon 1903 erkannt, „wie sich das Rot der Dünen mit dem Blau des Himmels vermählt“.

          Bis schließlich die Katastrophe geschah: die Kriegserklärung Deutschlands an Russland am 1. August 1914. Durch die Russische Revolution verlor sie ihre zaristische Rente. Marianne Werefkin wurde über Nacht Feindin im Land. „Polizeiposten in Wilna“ von 1914 mit brennenden Feuern auf der Straße und schwarzen Fahnen an den Fenstern gibt einen Eindruck von der düsteren Entwicklung. Werefkin und Jawlensky flüchteten nach Ascona in die Schweiz. Dort wird sie später die Gruppe des „Großen Bären“ gründen. Bei Kriegsausbruch blickte sie auf wichtige Werke zurück, humorvolle Porträts einer Haushälterin von 1907, dokumentarische Aufzeichnungen eines „Frühlingssonntags“ oder eine in sanftes Blau gehüllte „Frau am Billardtisch“.

          Die Einflüsse sind eindeutig

          Eine „Dressurreiterin“ von 1909/10 ist in wenigen bewegten Flächen und Strichen aufs Papier gebracht, man hört das an den Zügeln streng gehaltene Tier wiehern. Viele ihrer Werke lassen die Vorzeichnungen durchscheinen, die sie mit aufgeregter Farbe füllt. Ihre Figuren sind im gespreizten Gang eingefroren, die Gesichter der Menschen ausgespart. Schaut man auf die „Trapezkünstlerin“ von 1909 oder ihren „Zirkus“ von 1908, sind die Einflüsse eindeutig: Die Fläche erinnert an Gauguin, die karikativen Elemente an Toulouse-Lautrec. Sie war eben weit gereist und kannte, was damals neu war. Ihr Spätwerk glüht dann vor Tessiner Berggewalt und Seentiefe, harten Traditionen und neuen Lebensgefühlen. Die geheimnisvolle „Nonna“, wie sie in Ascona genannt wurde, ist nicht nur jenen, die sie auf der Straße trafen oder auf ihrem Balkon sahen, in Erinnerung geblieben. Sie selbst hat 1922 geholfen, ein Museum zu gründen, mit siebzig eigenen Werken.

          Wer sich mit der Zeit des Expressionismus beschäftigt, trifft auf sie - und doch gibt es Brüche in der Rezeption. Um 1958 gibt es Versuche, das Kunstkapitel Werefkin überhaupt erst zu schreiben. Doch ein Jahr später war es wieder still um sie. Werefkin in den achtziger Jahren zu etablieren ist nicht gelungen. Man sieht ihre Werke sehr selten, wie die einiger anderer, die jetzt in der Schau intime Auftritte haben: Maria Marc oder Elisabeth Epstein. Doch ihre Bilder machen neugierig auf Entdeckungen, die der Kunstgeschichte noch bevorstehen - die Pionierleistungen der Frauen der Moderne, wie die von Marianne Werefkin, die in dieser Ausstellung endgültig zum Kopf der Gruppe der „Blauen Reiters“ erklärt wird.

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