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: Lolitas spanische Freundin

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Das sind die stillen Teiche der Philologen: Ab und zu wirft jemand einen Stein ins Wasser, die Oberfläche kräuselt sich, der Stein versinkt, und es wird wieder ruhig. Mit der Zeit sammeln sich immer mehr Steine auf dem Grund, und mit ihnen steigt langsam der Pegel der Forschung.

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          Das sind die stillen Teiche der Philologen: Ab und zu wirft jemand einen Stein ins Wasser, die Oberfläche kräuselt sich, der Stein versinkt, und es wird wieder ruhig. Mit der Zeit sammeln sich immer mehr Steine auf dem Grund, und mit ihnen steigt langsam der Pegel der Forschung. Den jüngsten Stein des Anstoßes warf der Autor dieser Zeilen in den Teich. Was war passiert? Der Zufall hatte ihm eines der raren Exemplare eines 1916 erschienenen Buches in die Hand gespielt, das eine Novelle namens "Lolita" enthielt. Der Inhalt dieser Novelle widersprach diesem Titel nicht, sondern bestätigte ihn - wenn man so sagen und den Zeitpfeil ungebührlich umdrehen darf. Schon in der "Lolita" von 1916 ging es um tragische Nymphchenliebe, und bei dieser Übereinstimmung allein blieb es nicht.

          Während die deutschsprachige Presse den Fund einhellig anerkannte, reagierten einige Vertreter der Nabokov-Gemeinde gereizt, wie etwa die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete (N.Z.Z. vom 21. April). Auch Dieter E. Zimmer wiederholte in der letzten Ausgabe der "Zeit" seine schon im Internet-Forum der Nabokovianer vorgetragenen Einwände. Dieser Beitrag verdient eine Antwort schon wegen Zimmers Verdiensten um die deutsche Nabokov-Edition im Rowohlt Verlag, die als vorbildlich gelten darf. Im Rankengeflecht seines Artikels immer auf das Argument zu stoßen fällt freilich nicht leicht. Unter anderem erzählt Zimmer die Geschichte von Nabokovs angeblicher Begegnung mit Franz Kafka in Berlin, eine Begegnung, die aber gar nicht stattgefunden habe. Davon abgesehen, daß Kafka in meinem Essay nicht vorkommt, fragt man sich, was damit bewiesen werden soll, außer daß Nabokov zu Gedächtnistrübungen oder zu Mystifikationen neigte.

          Das Alter eines Mythos

          Das Kernargument Zimmers läuft auf zweierlei hinaus. Erstens hält er es für unwahrscheinlich, daß Nabokov Heinz von Lichbergs "Lolita" gekannt habe; was sein gutes Recht ist, aber zum Richterspruch nicht taugt. Zweitens seien die Unterschiede zwischen Roman und Novelle größer, die Ähnlichkeiten damit geringer, als von mir dargestellt. Nun standen die offensichtlichen Unterschiede zwischen einem Meisterwerk der modernen Literatur und einer künstlerisch unbedeutenden Erzählung sowenig zur Debatte wie die Behauptung, daß Nabokov eine Vorlage abgepaust habe. Zur Debatte stand das Muster der Übereinstimmungen, die Dieter E. Zimmer jedoch "hergeholt" nennt. Denn Heinz von Lichbergs spanische Lolita sei gar kein Kind, auch kein dämonisches, und der Erzähler recht froh, sie wieder loszuwerden.

          Der geradezu störrische Unwille, der frühen "Lolita" etwas anzumerken, was an die spätere erinnern kann, ist hier mit Händen zu greifen. Das Alter der Lichbergschen Lolita wird uns nicht angegeben, wir sind also an die Beschreibung des Icherzählers verwiesen. Lolita ist "blutjung nach unseren nordischen Begriffen", der Erzähler will "das Kind" in seine Arme nehmen, als ein "bettelndes Kind" erscheint ihm seine "kleine Lolita", und bei der Beschreibung ihres Totenbettes weisen allein die Verniedlichungsformen darauf hin, daß es eben keine Frau ist, sondern ein Kind, dessen "geliebter kleiner Leib" zu Grabe getragen werden muß: "Meine geliebte kleine Lolita lag in ihrem schmalen Bettchen mit weitaufgerissenen Augen." Nach Dieter E. Zimmer liegt in diesem Bettchen ein "sexualreifes Mädel zwischen 15 und 18".

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