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Leitartikel : Prüfung für Israel

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Der Sturm auf die israelische Botschaft in Kairo sollte als Weckruf verstanden werden. Denn er zeigt eines: Der quer durch die arabische Welt gehende Aufstand gegen repressive Regime und kleptokratische Herrscher hatte und hat zwar ...

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          Der Sturm auf die israelische Botschaft in Kairo sollte als Weckruf verstanden werden. Denn er zeigt eines: Der quer durch die arabische Welt gehende Aufstand gegen repressive Regime und kleptokratische Herrscher hatte und hat zwar innenpolitische Gründe; aber die regionalen Probleme, welche die Außenpolitik im Nahen Osten über Jahrzehnte dominiert haben, sind davon nicht hinweggefegt worden. Zugespitzt ausgedrückt: Dass auf dem Tahrir-Platz Plakate mit dem Konterfei Mubaraks verbrannt wurden, aber keine israelischen Flaggen, war vermutlich keine Sache des Prinzips, sondern eine Frage der Prioritäten.

          Den Weckruf sollte deshalb vor allem die israelische Regierung hören. Es stimmt: Mubarak war ein verlässlicher Verbündeter, der den mit seinem Vorgänger Sadat geschlossenen Friedensvertrag eingehalten und damit Israel militärisch und politisch entlastet hat. Über die repressive Natur seiner Herrschaft werden sich Netanjahu, Barak oder Zipi Livni dennoch keine Illusionen gemacht haben. Ihr ostentatives Bedauern über den Sturz des Diktators und der Vorwurf, Washington habe einen treuen Verbündeten ohne viel Federlesens fallenlassen, haben ihnen naturgemäß bei den Aufständischen in Kairo keine Sympathien eingetragen. Der verhängnisvolle Tod ägyptischer Soldaten auf dem Sinai war der Funke, der das Konfliktpotential zum Explodieren gebracht hat. Dass sich Israel seiner prekären Lage bewusst ist, beweist das bisherigen Verhaltensmustern gar nicht entsprechende Bestreben seiner Führung, so bald wie möglich wieder einen Botschafter nach Ägypten zu entsenden.

          Es mag sein, dass der angebliche oder wirkliche Ausbruch von Volkes Zorn in Kairo, dem die Sicherheitskräfte offenbar eine Zeitlang seinen Lauf ließen, bevor die Lage ganz außer Kontrolle geriet, nicht so spontan wie dargestellt war. Das ändert nichts daran, dass davon nun eine weitere "Sonderbeziehung" Israels mit einem muslimischen Land erheblich belastet wird. Der erste Fall ist die Türkei, deren Regierungschef seit der Erstürmung eines Schiffes der "Free Gaza"-

          Flotte, bei der neun türkische Staatsbürger ums Leben kamen, keine Gelegenheit auslässt, die vorher engen Verbindungen zu Israel Stück für Stück zu kappen. Mag sein, dass Erdogan nur einen Anlass suchte, um eine Neuausrichtung der türkischen Politik - als Vorbild und Vormacht der muslimisch-arabischen Welt - gehörig in Szene zu setzen. Jedenfalls muss Israel befürchten, dass der Streit mit der Türkei und die Belastung seiner Beziehungen zu Ägypten erst der Beginn außenpolitischer Prüfungen sind.

          Denn auch der Friedensvertrag mit Jordanien steht auf wackligen Füßen. Er war in einer mehrheitlich von Palästinensern gebildeten Bevölkerung ein Projekt, das dem Königshaus vor allem die Unterstützung Amerikas und der westlichen Welt sichern sollte. Doch auch in Amman hat die Arabellion die Verhältnisse verändert. Die Macht des Königs ist geschmälert, und man muss nicht lange darüber rätseln, wie die Mehrheit der Jordanier über den Frieden mit Israel denkt.

          Am heikelsten ist das Verhältnis zu Syrien. Zwar gehört die herrschende Familie Assad von jeher zu den geschworenen Feinden Israels; Syrien unterstützt die Hizbullah im Libanon und die Hamas im Gaza-Streifen - von kaltem Frieden wie im Fall Ägyptens oder Jordaniens kann da keine Rede sein. Aber es gab seit 1967 auch keinen heißen Krieg auf den von Israel besetzten Golanhöhen; die syrisch-israelische Grenze dort galt bis vor kurzem als eine der ruhigsten im Nahen Osten. Vor einigen Wochen hat Assad bereits vorgeführt, welche Schwierigkeiten Israel bekommen würde, wenn Damaskus auf seiner Seite der Grenze die Sicherheitsvorkehrungen aufhebt. Damit wollte der Diktator auch zeigen, mit welchen Folgen zu rechnen ist, wenn er nicht mehr mit eiserner Faust für Ruhe sorgt, sondern wenn der Volkszorn - in diesem Fall womöglich eine Kombination aus Befreiungspathos und religiösem Furor - freien Lauf erhält. Welche Folgen das Aufbrechen neuer Fronten mit Israel in Ägypten, Jordanien und Syrien wiederum bei den Palästinensern im Westjordanland haben würde, von Gaza zu schweigen, lässt sich unschwer ausmalen.

          Die israelische Regierung hat auf die Arabellion mit Skepsis reagiert und bisher auf Abwarten gesetzt. Das ist verständlich, weil ein Prozess, der noch im Fluss ist, in seinen Konsequenzen schwer abzuschätzen bleibt. Dennoch rächt es sich jetzt, dass die Gespräche mit der palästinensischen Autorität unter Präsident Abbas keinen Schritt vorangekommen sind - auch deshalb, weil Israel, von einigen vieldeutig-undeutlichen Äußerungen Netanjahus abgesehen, bisher keine Spur Kompromissbereitschaft gezeigt hat. Bei den Vereinten Nationen wird Israel dafür in den nächsten Wochen die Quittung ausgestellt bekommen. Das in Jerusalem immer vertretene Argument, die Palästina-Frage sei nicht der Angelpunkt der arabischen Welt, sondern nur ein Vorwand, mit dem die wirklichen Probleme verdrängt würden, sticht nicht mehr. Die Araber haben damit begonnen, eben diese wirklichen Probleme anzupacken. Doch der Palästina-Konflikt bleibt der Zündstoff, der die gesamte Region immer noch in Flammen setzen könnte.

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