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Leipziger „Tatort“ : Alte Liebe, frische Hiebe

Läuft da wieder was? Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) tauschen Blicke. Bild: MDR/Saxonia Media/Junghans

Romantisch ist die Kulisse nicht gerade: In „Frühstück für immer“ ermitteln Eva Saalfeld und Martin Keppler im Leipziger Sadomaso-Milieu. Und kommen einander trotzdem näher.

          2 Min.

          Donnerwetter, da hat das Leipziger „Tatort“-Duo auf seinen letzten Metern - 2015 werden Simone Thomalla und Martin Wuttke als Eva Saalfeld und Martin Keppler abtreten - mal wieder ein so richtig gesellschaftsrelevantes Thema am Wickel: Sadomasosex und die Mordsstimmung, die Frauen jenseits der vierzig verbreiten, wenn sie sich mit unklugen Männergeschichten gegen den körperlichen Verfall stemmen. Und der muss eine richtig schlimme Sache sein, zumindest wenn man den Frauenfiguren in „Frühstück für immer“ so zuhört: Mit vor Angst aufgerissenen Augen erzählen sie, wie Frauen einfach verschwinden (aus den Blicken der Männer), welken, verblühen, ach was: faulen und von innen heraus modern.

          Frauen auf der Kippe

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Jahrgang 1970 heißt: auf der Schussfahrt zum Tode. Und tatsächlich liegt bald eine Dreiundvierzigjährige erdrosselt im Gebüsch, es ist wieder eine dieser übel zugerichteten Frauenleichen im Fernsehen, alles deutet auf Mord im SM-Milieu. „Ist ’ne schöne Frau“, grummelt Keppler, als sein Blick über das blau angelaufene Gesicht der Toten gleitet. Später wird er seine Kollegin und Exfrau Eva Saalfeld fragen, ob sie das denn auch so empfinde mit dem weiblichen Verschwinden und Vermodern. „Manchmal“, antwortet sie. Auf Ü-40-Partys gehe sie aber nicht. „Da lassen sie mich noch nicht rein.“

          Zwinker-zwinker, das war Ironie. Und nur mit einer gehörigen Portion derselben hätte aus diesem „Tatort“ (Regie: Claudia Garde, Drehbuch: Katrin Bühlig ) richtig etwas werden können. So aber nimmt der Film vor allem die weiblichen Figuren viel zu ernst für das, was die Dialoge und Inszenierung ihnen an Substanz verleihen.

          Eine Frau, zweimal der Falsche: Erst trifft Julia Marschner (Oana Solomon) den Flirt-Coach Tom (Marc Hosemann, links), dann den Schönheitschirurgen Peter (Filip Peeters) - und dann ist sie tot. Bilderstrecke
          Eine Frau, zweimal der Falsche: Erst trifft Julia Marschner (Oana Solomon) den Flirt-Coach Tom (Marc Hosemann, links), dann den Schönheitschirurgen Peter (Filip Peeters) - und dann ist sie tot. :

          Da ist also Julia Marschner (Oana Solomon), das Mordopfer, blond, schlank, wohlhabend, geschieden. Da sind ihre beiden besten Freundinnen, die alle umarmende Karmen (Inga Busch) und die Trenchcoatträgerin Silvie (steigert sich: Ursina Lardi), von denen - Achtung, Frauenpsychologie! - nur eine die beste beste Freundin ist. Regelmäßig flippt das Dreigestirn auf besagten Ü-40-Partys herum und lässt sich abschleppen. Die Kamera (Birgit Gudjonsdottir) malt das in bonbonbunten Farben. Julia Marschners Tochter (bis auf einen richtig guten Rotz-und-Wasser-Heulkrampf leider monoton weinerlich: Helen Woigk) verdächtigte ihre Mutter, es auch auf ihren Freund abgesehen zu haben. Dieser Mike (Franz Dinda als Kleinstadtmacho) ist alles andere als vertrauenerweckend. „Der hat dich angemacht“, sagt Keppler zu Eva Saalfeld. „Weil der etwas zu verbergen hat.“ „Fällt dir kein anderer Grund ein?“, gibt sie zurück und reckt das Kinn.

          Moment, geht da etwa wieder etwas zwischen den beiden? Das ist eigentlich die einzig wirklich interessante Frage in diesem „Tatort“ rund um Frauen, die sich lieber schlagen lassen als unbeachtet zu bleiben. Die Ermittlungen leiern eher so dahin, ein paar schicke Zeitlupen geben optisch Glanz. Keppler mit verspiegelter Pilotenbrille, sehr cool. Doch die Figuren bleiben in Klischees hängen, und bald geht es nur noch um die Ausleuchtung verquaster Sex-Beziehungen.

          Fünfzig Leipziger Grautöne

          Ein plastischer Chirurg (Filip Peeters) gerät ins Visier der Fahnder, er helfe Frauen „auf der Kippe“ sagt er und meint Auspeitschen damit, wir werfen einen Blick in seine Requisitenkammer und sehen ihn in Aktion (zu viel Information), schon sind wir beim nächsten Mann mit Frauenproblemen: einem Flirt-Coach (Marc Hosemann), der sich nur für „approach und gain“ interessiert. Das versteht dann auch Keppler nicht mehr so richtig.

          „Fifty Shades of Grey“ in Leipzig, wäre also auch dieses Trendthema von vor zwei Jahren abgehakt. Es gibt viele Verdächtige in diesem Film, mehrere Geständnisse und am Ende eine Verhaftung, es gibt auch starke Momente, fast immer dank Victoria Trauttmansdorff als dünnhäutiger Chirurgengattin. Wenn sie im Bondage-Dress auftritt, erzählt das tatsächlich etwas von verzweifelter Liebe.

          Davon abgesehen sorgt das ganze Fesselbrimborium eigentlich nur dafür, Keppler und Eva Saalfeld in neuem weichen Licht zu zeichnen. Endlich zwei normale Menschen. „Du bist wunderbar, einzigartig und absolut liebenswert“, sagt Saalfeld unvermittelt zu ihrem Ex. Keppler stutzt. Na, das kann ja noch was werden.

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