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Kursschwankungen : Viele Anleger schreckt die hohe Volatilität ab

Bild: F.A.Z.

Seit 1996 gab es am deutschen Aktienmarkt nur drei Phasen, in denen die Kurse ähnlich stark schwankten wie derzeit. Viele Anleger ziehen sich zurück.

          Fast jeder Anleger dürfte in diesem Jahr auch Verluste eingefahren haben. Die Atomkatastrophe von Fukushima im März, die Zinswende der Europäischen Zentralbank (EZB) im Frühjahr nach oben und jetzt wieder nach unten sowie die alles dominierende europäische Staatsschuldenkrise führten zu vielen und nicht vorherzusehenden Richtungswechseln an den Finanzmärkten. Allein im zweiten Halbjahr 2011 schwankte der Dax zwischen 7523 und 4965 Punkten.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach dem Absturz um 35 Prozent ist der Dax seit Mitte September wieder um 23 Prozent auf rund 6100 Punkte gestiegen. Einem Tageszuwachs von zeitweise mehr als 3 Prozent am Donnerstag stehen aber auch immer wieder hohe Tagesabschläge gegenüber. Viele Börsianer sprechen von einer sehr hohen Volatilität. Die Indizes V-Dax und Vix zeigen, dass es seit 1996 in Deutschland nur drei Phasen und in Amerika nur eine - nach der Insolvenz von Lehman - gab, in denen so hohe Aktienkurssschwankungen wie derzeit zu beobachten waren.

          Ein Maß für Risiko

          Hohe Kursschwankungen führen dazu, dass das Geschehen an der Börse vielen Menschen noch unbegreiflicher erscheint als ohnehin. "Hohe Volatilität führt oft dazu, dass sich Anleger vom Markt zurückziehen", sagt Gianni Hirschmüller, Gesellschafter von Cognitrend. Sein Unternehmen untersucht Anlegerverhalten auch mit Hilfe der Psychologie. "Fondsmanager zum Beispiel müssen ihr Depot im Griff haben. Plötzliche Wechsel oder dauerhaft überhöhte Volatilität machen ihnen aber zu schaffen", erklärt Hirschmüller. Schließlich lässt sich kaum eine schlüssige Erklärung finden, warum etwa der Stahlkonzern Thyssen-Krupp mit 11 Milliarden Euro nur noch halb so viel wert ist wie vor vier Monaten.

          Volatilität ist ein Maß für Risiko. Dabei sehen die meisten Anleger nicht die Chance auf Gewinn, sondern die Gefahr von Verlust. In früheren Börsenphasen, etwa von 1996 mit dem Börsengang der Telekom und der darauffolgenden Interneteuphorie bis zum Jahr 2000, lockten große Kursschwankungen viele Anleger an. Die Börse wirkte anziehend. Doch inzwischen ist die Zahl der Aktionäre nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts von 6,2 Millionen im Jahr 2000 auf 3,7 Millionen zurückgegangen. Für Fondsmanager kann derzeit das Renditeziel eines Jahres in wenigen Stunden kaum mehr erreichbar sein, wenn wie in dieser Woche in Griechenland ein Referendum ausgerufen wird und die Euphorie der Anleger aus der Vorwoche sofort umschlägt in Ernüchterung.

          Chance für Daytrader

          Doch manche Anleger begreifen auch jetzt diese Gelegenheiten als Chance: "Volatilität zieht unsere Kunden an", sagt Ingo Hillen, Vorstand der Sino AG. Die Handelsplattform bietet sehr aktiven Daytradern per Mausklick eine extrem schnelle Abwicklung ihrer Orders. "Unsere Kunden brauchen Liquidität und Kursschwankungen. Beides ist im Moment da", sagt Hillen. Manche Kunden bewegten bis zu 500.000 Euro mit einem Auftrag, an manchem Tag sogar insgesamt bis zu 10 Millionen Euro. Sein erfolgreichster Kunde habe mit dem Kauf von Dax-Terminkontrakten in den vergangenen zwei Tagen 160.000 Euro verdient, erzählt Hillen.

          In vielen Fondsgesellschaften finden die Sitzungen der Anlageausschüsse häufiger statt als früher. Die Credit Suisse hat für ihre Vermögensverwaltung von einem monatlichen auf einen wöchentlichen Turnus umgestellt, um die grobe Anlagestrategie festzulegen. Doch derzeit ist selbst dieser Rhythmus zu lang, um auf die ständig wechselnden Trends reagieren zu können. Rückzug von der Börse erscheint daher vielen als die vernünftigste Alternative. Vom Bankhaus Metzler etwa ist zu hören, man rate Kunden derzeit zu einer höheren Liquiditätsquote. Die Zinsen seien mit rund 2 Prozent für ein Jahr so niedrig, dass sich eine Anlage kaum lohne. Dann sei es doch besser, Geld für eine Anlage am Aktienmarkt vorzuhalten, falls die Kurse dort noch weiter fallen sollten.

          „Aufwärtsbewegung wurde unterschätzt“

          Der Berliner Vermögensverwalter Timon Heinrich rät dazu, diese "taktische Liquidität" jetzt einzusetzen und nicht länger "in Angststarre zu verfallen". Die hohe Volatilität am Aktienmarkt habe dazu geführt, dass Aktienanleihen oft mit Kupons von rund 8 Prozent auf Industrieunternehmen wie Linde, Siemens und Thyssen-Krupp relativ sicher zu 100 zurückgezahlt würden. Auch bei Unternehmensanleihen gebe es günstige Einstiegsgelegenheiten. "Man sollte Limits setzen, bei deren Unterschreiten zugekauft wird", sagt Heinrich. Viele Anleger verwenden dagegen derzeit Stop-Loss-Kurse - verkaufen also, wenn bestimmte Kurse unterschritten werden und verstärken damit zumindest Abwärtsbewegungen.

          Hirschmüller erwartet, dass sich die Kursbewegungen bis Weihnachten nicht beruhigen werden. "Viele Anleger sind derzeit so positioniert, dass sie mit fallenden Aktienkursen rechnen", schließt er aus Umfragen. Es gebe dagegen nur wenige, die auf steigende Kurse setzten. "Die Aufwärtsbewegung der vergangenen Wochen wurde unterschätzt. Viele Anleger müssen sich jetzt mit Aktien eindecken, um nicht mit ihrer Jahresperformance hinter die Konkurrenz zurückzufallen. Diese Transaktionen dürften die Volatilität noch verstärken."

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